Das Beste aus der Krise machen

Start-up-Mentalität gefordert

Im Interview berichtet Thomas Fritz, CEO und Gründer von Kentix, wie sein Unternehmen die aktuelle Krise sinnvoll genutzt hat, um in kurzer Zeit eine Lösung zur Corona-Prävention zu entwickeln.

 Thomas Fritz von Kentix

„Innovationsfähigkeit und schnelle Reaktion auf Marktveränderungen sind Eigenschaften, die sich in vielen Situation bewährt haben“, so Thomas Fritz von Kentix.

MOB: Herr Fritz, inwieweit hat die wochenlang andauernde Corona-Pandemie Ihr Geschäft als IoT-Spezialist beeinflusst?
Thomas Fritz:
Durch die Pandemie wurde unser Geschäft erst einmal erheblich gebremst. Viele Entscheider und Projektverantwortliche sind ins Homeoffice umgezogen und mussten sich auf die neue Situation einstellen. Dadurch haben sich Entscheidungen natürlich verzögert. Einige Unternehmen haben geplante Investitionen auch vorerst eingefroren und warten ab. Jedoch stellten wir uns den durch Covid-19 bedingten Veränderungen und relativ schnell haben wir mit innovativen Produkten, darunter dem Fieber-Scanner Smartxcan, reagiert. Mittelständischen Unternehmen wirft man nicht selten eine gewisse Trägheit vor. Mit agilen Arbeitsmethoden konnten wir aber auf Rückschläge reagieren und davon profitieren wir enorm. Wir sind deshalb mit der aktuellen Geschäftsentwicklung sehr zufrieden, da wir trotz Corona ein gutes Wachstum verzeichnen konnten.

MOB: Wie schafft man es, in nur sechs Wochen ein neues Temperaturmessgerät zur Corona-Prävention zu entwickeln?
Fritz:
In den Medien stieß ich auf Bilder, in denen bei Personen die Körpertemperatur mit einem Infrarothandthermometer gemessen wurde. Da diese Geräte aufgrund verschiedener Faktoren wie ungeeignete Messpunkte, unterschiedliche -abstände oder auch die -umgebungen keine zuverlässigen Messungen liefern können, überlegten wir uns, wie man es besser machen könnte. Also haben wir uns nochmal auf unsere Start-up-Tugenden zurückbesonnen und unser gerade frisch angeeignetes Wissen im Bereich der Infrarotsensorik für die Entwicklung eines Sensors zur Messung der Körpertemperatur genutzt. Wir hatten gerade die Entwicklung eines neuen Thermalbildmultisensors zur Brandfrüherkennung abgeschlossen. Dieser sollte in kritischen Infrastrukturen wie beispielsweise Rechenzentren auf einer internationalen Messe vorgestellt werden. Wie die meisten Messen wurde auch diese aufgrund der Pandemie abgesagt. Nun ging es daran, die technischen Grundlagen des Temperaturmessens zu verstehen und aus dem Sensor zur Brandfrüherkennung einen Fieberscanner zu entwickeln. Besonders unsere agile Arbeitsweise in der Entwicklung und das perfekte Zusammenspiel des kompletten Teams halfen uns dabei, das Gerät in sechs Wochen zu entwickeln. Alle waren motiviert, aktiv etwas zu unternehmen, um zu einem halbwegs normalen Leben zurückzukehren. Wir wollten unseren Beitrag leisten und so entstand der Smartxcan in dieser kurzen Zeit.

MOB: Was waren die Herausforderungen und Stolpersteine bei der Entwicklung?
Fritz:
Die Materialbeschaffung war in dieser Zeit eine besondere Herausforderung, da viele Lieferketten unterbrochen waren. Als Vorteil hat sich hier unsere nationale Produktionsstrategie erwiesen. Wir fertigen alle Produkte in Deutschland, einige Unternehmen haben uns da gut unterstützt. Eine weitere Herausforderung war die Software-Entwicklung. Die Software sorgt dafür, dass der Messprozess immer gleich ist und der Fieberscanner die geforderte Genauigkeit liefert. Hier mussten Algorithmen zur Augen- und Maskenerkennung, Kopfposition und Abstandsmessung entwickelt werden. Die Software wird stetig weiterentwickelt. Unsere Kunden können ihre Geräte jederzeit updaten, um so die neuesten Funktionen und Verbesserungen zu nutzen. Gerade haben wir ein Update gelauncht, wodurch der Smartxcan mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) Gesichter noch besser erkennen kann. Damit sind manipulierte Messungen, z.B. durch Messungen an der Hand oder eines Gegenstands, nahezu unmöglich.

MOB: Inwieweit findet Ihr Messgerät nun in der Praxis Anwendung? Können Sie Beispiele nennen?
Fritz:
Zum einen wird es mittlerweile von mehreren Krankenhäusern, Impfzentren, Kitas und vielen Unternehmen eingesetzt. Wir konnten die Geräte in über 40 Länder verkaufen. Die weltgrößte Brauereigruppe Anheuser-Busch Inbev beispielsweise setzt den Smartxcan in über 200 Brauereien zur Corona-Prävention ein. Sehr oft wird der Fieberscanner in der Lebensmittelindustrie und in diversen Produktionsunternehmen genutzt, wie dem italienischen Reifenhersteller Pirelli, dem niederländischen Halbleiterhersteller NXP oder dem US-amerikanischen Nahrungsmittel- und Agrarkonzern ADM, zu dem auch die deutsche ADM Wild mit seiner bekannten Marke Capri-Sun gehört. Neben der Industrie wird der Fieberscanner auch von zahlreichen Kommunen und Stadtverwaltungen in Grundschulen, Ämtern und Pflegeheimen eingesetzt.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Was raten Sie anderen deutschen Mittelständlern, um noch halbwegs unbeschadet durch diese und die nächste Krise zu kommen?
Fritz:
Innovationsfähigkeit und schnelle Reaktion auf Marktveränderungen sind Eigenschaften, die sich in vielen Situation bewährt haben. Wir achten darauf, uns genau das zu bewahren, und fragen uns, wo wir unseren Kunden konkret helfen können. Zudem definieren wir kleine, agile Teams mit genügend Freiraum zur kreativen Entfaltung und einer toleranten Fehlerkultur. Diese Denkweise hilft uns enorm und beschleunigt die Entwicklungsprozesse, alle Beteiligten sind dabei hoch motiviert. Das ist in meinen Augen das, was immer als Start-up-Mentalität bezeichnet wird, der Rest ist Wille.

Bildquelle: Kentix

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