KI in Europa

Strategien gegen die Materialschlacht

60 Milliarden Dollar, pro Jahr – so viel investiert China in KI. Die deutsche Politik hat mit vielen Mühen gerade mal 500 Millionen Euro zusammengekratzt und auf EU-Ebene sieht es nicht besser aus.

Smybolischer Computercode

Die KI-Materialschlacht

China und die USA haben uns längst in der Künstlichen Intelligenz überholt – diese Aussage ist oft zu hören und lesen. Mit „uns“ ist in erster Linie Deutschland gemeint, zuletzt in einer Pressemitteilung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Deren Kernaussage: Deutschland verliert den Anschluss im globalen KI-Wettbewerb. Das ist leider nicht falsch, auch wenn es hierzulande hochwertige KI-Forschung gibt.

Denn die groß angekündigte KI-Strategie fällt wohl aus. Die Etatansätze in den Ministerien zeigen, dass diese Aktion eine „Luftnummer“ (Manager Magazin) ist. Lediglich etwa 500 Millionen der angekündigten drei Milliarden Euro sind frisches Geld, der Rest entstammt anderen Etats. Das führte in der deutschen KI-Szene zu harscher Kritik: „Das zeigt einfach, dass die Bundesregierung die Relevanz von Künstlicher Intelligenz für Deutschland noch nicht verstanden hat“, so KI-Investor Fabian Westerheide zum Manager Magazin.

Selbst die gesamte Milliardensumme wirkt im Vergleich ausgesprochen kärglich.  Zwei Beispiele: Der chinesische Staat gibt nach eigenen Angaben pro Jahr 60 Milliarden Dollar für KI-Forschung aus und der Forschungsetat von Alphabet (Google, DeepMind) betrug laut dem Jahresbericht für 2018 ganze 21 Milliarden Dollar. Kein Wunder, dass sowohl China als auch die USA, Deutschland und sogar die gesamte Europäische Union nicht als ernsthaften Konkurrenten sehen.

Die KI-Strategie der Europäischen Union

Auch die KI-Strategie der EU wird häufig kritisiert und in der Tat sind die Finanzzusagen der EU für KI-Forschung bescheiden: 1,5 Milliarden Euro zwischen 2018 und 2020. Die Frage ist also, welche Chancen die EU tatsächlich hat. Die Wiener KI-Expertin Charlotte Stix, zur Zeit am Leverhulme Center for the Future of Intelligence an der University of Cambridge, hat in einem Bericht ein detailliertes Bild der KI-Landschaft der EU gezeichnet und daran Überlegungen angeschlossen, wie Europa führend in der KI werden könnte.

Die Überlegungen der EU-Kommission werden in zwei Schlüsseldokumenten geschildert: Erstens der Mitteilung der europäischen Kommission über KI vom April 2018 und zweitens dem koordinierten Plan für KI vom Dezember 2018, der aus einem Hauptdokument und einem Anhang besteht. Das erste Schlüsseldokument legt fest, das ethische KI im Mittelpunkt stehen und als Wettbewerbsvorteil verstanden werden sollte. Das zweite Dokument dagegen widmet sich der Frage, wie die einzelnen Mitgliedsstaaten ihre Strategien und Ressourcen koordinieren können, um die die Wettbewerbsfähigkeit der EU bei künstlicher Intelligenz zu stärken.

Der koordinierte Plan sieht vor, dass die EU-Staaten sowie die Privatwirtschaft bis 2020 jährlich 20 Milliarden Euro an Gesamtfördermitteln bereitstellen wollen. Allerdings gibt es keine konkreten Pläne, wie dies erreicht werden kann, immerhin ist die Jahresmitte 2019 bald erreicht. Eines der großen Probleme in der EU ist der Mangel an Venture Capital. Seine Summe ist sechsmal niedriger als in den USA. Zudem gibt es eine Talentkrise, denn viele KI-Experten wandern in andere Länder ab und vielversprechende Unternehmen werden von globalen Akteuren übernommen, häufig aus dem Silicon Valley.

Großprojekte und Kräftebündelung

Die EU-Kommission schlägt als Gegenmaßnahme Großprojekte vom Typ CERN oder „Human Brain Project“ vor, die in der Vergangenheit sehr erfolgreich waren. Ein Anwärter darauf ist beispielsweise das European Lab for Learning and Intelligent Systems (ELLIS). Dabei setzt die Kommission auf eine Führungsrolle in der ethischen, „human-zentrierten“ KI. Damit unterscheidet sich ihr Ansatz von anderen KI-Strategien. Die USA und China setzen in ihren jeweiligen Strategien sehr stark auf das Erreichen einer Führungsrolle, ohne besondere inhaltliche Vorgaben zu machen.

Tatsächlich droht in der Auseinandersetzung zwischen USA und China eine „Investitions-Materialschlacht“, in der kleinere Länder, Organisationen und Unternehmen schnell ins Hintertreffen geraten. Aus diesem Grunde beabsichtigt die Kommission, eng mit anderen Ländern oder Gruppen außerhalb der EU zusammenzuarbeiten – etwa im International Panel on Artificial Intelligence, das von Kanada und Frankreich ins Leben gerufen wurde. Es eignet sich gut als Gremium für die globale Koordinierung von KI-Strategien.

Die geballte Finanz- und Forschungsmacht in den KI-Führungsmächten USA und China entfesselt eine enorme Dynamik in den jeweiligen Projekten und Forschungsinitiativen. Dagegen wirken die einzelnen EU-Länder, aber auch andere Staaten bereits jetzt vollständig abgehängt. Der einzige sinnvoll erscheinende Ausweg ist eine Bündelung der Kräfte innerhalb der (vielleicht bald nur noch) 27 EU-Staaten sowie mit anderen interessierten Ländern. Dies setzt allerdings den Willen in der Politik voraus, begrenzte Etats nicht an Subventionen für Zombie-Industrien zu verschwenden, sondern ausreichende Gelder in die KI-Forschung und Startup-Förderung zu lenken.

Bildquelle: Getty Images

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