Kommentar zum Feiertag für die Provider

Teures Roaming und "Bombe" gegen Google

EU-Roaming bleibt teuer und mit einer neuen Technologie gegen Anzeigenauslieferung ("Bombe") lässt sich Google erpressen: So wird der Brückentag zum Feiertag für die Telekommunikationsanbieter.

Eine Bombe auf Googles Schreibtisch?

Hut ab, liebe Provider. Bei den guten Nachrichten dürften die Korken knallen. Und bitte nicht vom günstigen Schaumwein aus der Kantine heute, denn die Finanzierung steht: Ihr dürft die Kunden weiter melken. In der EU sollen die Roaminggebühren für Handy-Gespräche angeblich doch nicht abgeschafft werden, berichten deutsche Zeitungen. Der Knaller: Bei der Nutzung des mobilen Internets wollen die EU-Minister dem Bericht zufolge eine Obergrenze von 100 Megabyte pro Jahr festschreiben. Danach wird es dann teuer. Kein Vertipper: 100MB! Das klingt natürlich viel in den Ohren der verantwortlichen EU-Politiker, die im Floppy-Disk-Zeitalter Karriere gemacht haben und nun in Brüssel die digitale Zukunft verwalten dürfen.

Das ist also die erste gute Nachricht für die Provider. Aber mal ehrlich: die war ein Kinderspiel. Gut geölte Lobby-Kanäle zu alternden EU-Verantwortlichen nutzen - das können ehemalige Staatsunternehmen. Auch die neuen Telco-Giganten haben es schnell gelernt.

Schwieriger wird es, wenn es gegen den Angstgegner geht: Google

Tagein, tagaus - vielleicht aber auch nur bis 17h - beschäftigen sich die Heads of Digital Future in den Strategy-Abteilungen der Telcos mit der Frage: Wie können wir endlich doppelt abkassieren? Die Kunden melken reichen nicht mehr, die haben zwar immer brav für den Netzzugang gezahlt, aber die Infrastruktur, der teure Ausbau - Provider haben es heutzutage wirklich nicht leicht, ihre Kosten wieder hereinzuholen. Schuld ist mangelnde Innovationskraft, das Geschäftsmodell "Infrastruktur bereitstellen" reicht nicht mehr, die digitale Wirtschaft ist komplex geworden. (Mehr dazu) Doch die Antwort der Strategie-Abteilung ist simple: Google soll zahlen! Die verdienen doch schließlich soviel Geld - in unseren Netzen!

Und weil wirklich keine bessere Idee auf den großen Konferenztischen der Provider landete - nicht mal von diesem jungen Junior Future Analyst, der doch schon 2013 WhatsApp als SMS-Killer erkannt hatte - ziehen die Provider das jetzt durch: Google soll zahlen. Und weil das nicht ganz so einfach zu begründen ist, wie der EU die Vorlagen zu schreiben, und es zudem noch diese Netzneutralität-Hippies gibt, die sich in den USA sogar vorerst durchgesetzt haben, müssen schwere Geschütze her. Eine "Bombe".

Eine Bombe gegen die Nemesis

Endlich - und an dieser Stelle kann ruhig der zweite Korken bei den Providern knallen - endlich scheint das Geschütz gefunden: "Ätsch, dann blenden wir Eure Werbung halt nicht ein." Laut einem Bericht der Financial Times arbeiten mehrere Mobilfunk-Anbieter daran, Online-Werbung in ihren Netzen zu blockieren. Damit will die Telco-Branche Google & Co. dazu bringen, Werbeerlöse zu teilen, so das Blatt weiter. Die Technologie stammt vom israelischen Start-up Shine und sei bereits bei einem großen Provider im Rechenzentrum installiert.

Die FT zitiert einen Manager eines europäischen Netzbetreibers: Man wolle den Kunden im ersten Schritt die Möglichkeit bieten, einen werbefreien Service zu buchen. Doch man ziehe auch einen radikaleren Schritt in Erwägung: Mit der sogenannten “Bombe” könnten Anzeigen über das gesamte Netzwerk blockiert werden.

So soll Google erpresst werden. Kann man ja mal versuchen. Allerdings: Eine Blockade der Anzeigen ist ein Verstoß gegen das Prinzip der Netzneutralität, nach dem alle Daten gleich behandelt werden müssen. Das umkämpfte Feld Netzneutralität ist noch nicht abschließend geklärt. Aber entschieden werden dürfte das Thema - und damit die Rechtmäßigkeit der "Bombe" - von den selben Leuten in Brüssel, die mit 100MB im Ausland auskommen.

Die Sichtweise des Autors spiegelt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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