End-to-End-Sichtbarkeit

Tiefes Verständnis für Liefernetzwerke

In der Position des Director of Information Technology ist Dave Fraas bei C.H. Robinson für die Leitung der IT Entwicklungen für den Bereich European Surface Transportation verantwortlich. Im Interview spricht er über den Status Quo der Digitalisierung in der Transportlogistik.

Dave Fraas, C.H. Robinson

Dave Fraas, C.H. Robinson

MOB: Herr Fraas, wo ist die Digitale Transformation in der Transportlogistik am deutlichsten zu spüren? Welches sind Dinge, die heute digital organisiert werden, die vor 10, 15 Jahren so noch nicht denkbar gewesen wären?
Dave Fraas:
Die digitale Transformation in der Logistikbranche wird vor allem durch optimierte und dadurch effiziente und flexible Warentransporte sichtbar: Früher wurden Liefertermine grob geschätzt und Prognosen basierten ausschließlich auf bekannten, wiederkehrenden Störungen oder der aktuellen Verkehrslage. Diese Angaben waren ungenau sowie unflexibel und stellten Unternehmen oftmals vor unerwartete Herausforderungen, sei es Umwege aufgrund von Unwettern, Staus an Grenzübergängen oder Straßensperrungen. Das kostete die Unternehmen Zeit und Geld, da kurzfristige Umleitungen des Warentransports nicht möglich waren. Heute erhalten alle Akteure entlang der Lieferkette ein präzises Bild des Ablaufs, noch bevor der LKW die Laderampe verlässt. Indem Wettervorhersagen, Straßendaten, Erfahrungswerte anderer Lieferungen in die Planung einkalkuliert werden und in Echtzeit verfügbar sind, lässt sich bei unvorhersehbaren Ereignissen die komplette Lieferkette in kürzester Zeit umleiten.

Wo gibt es aktuell in ihrer Branche noch Nachholbedarf beim Thema Digitalisierung und welche Akteure sind hier gefragt?
Fraas:
Um das ganze Potenzial einer digitalisierten Lieferkette auszuschöpfen braucht es Daten. Daten, die jeder einzelne Akteur zur Verfügung stellt und von denen alle profitieren. Je mehr Informationen zu Straßenverhältnissen, Städteeigenschaften oder Besonderheiten in Grenzgebieten zur Verfügung stehen, desto genauer können diese analysiert und in Verbindung gebracht werden. Das steigert die Genauigkeit der Vorhersage und die Präzision von Echtzeit-Informationen. Daher ist es unerlässlich, dass alle Akteure entlang der Lieferkette, vom Kleinspediteur bis hin zum Großlieferanten, das Potenzial der Datenanalyse erkennen und ihre Informationen bereitstellen.

Welches sind die größten Vorteile von digitalen SCM-Lösungen?
Fraas:
Sichtbarkeit und Transparenz gehören zu den größten Vorteilen, die sich durch die Digitalisierung der gesamten Supply Chain bislang ergeben haben. Indem alle Akteure entlang der Lieferkette ihre Prozesse digitalisieren, gewährleisten sie eine lückenlose End-to-End-Sichtbarkeit mit transparenten und effizienten Prozessen. Bei erfolgreicher Umsetzung werden Datensilos aufgebrochen, was wiederrum die Entwicklung hoch belastbarer Lieferkettennetzwerke unterstützt. Somit kann schnell und effizient auf Störungen im Ablauf (Wetter, Stau, politische Ereignisse) reagiert, und die Lieferwege entsprechend angepasst werden. Das spart Zeit sowie Kosten und trägt zu einem nachhaltigen Lieferprozess bei, werden beispielsweise zwei Lieferungen mit demselben Ziel kombiniert. Automatisierte Prozesse entlasten aber auch die Fachleute in den Unternehmen, da Routineaufgaben wegfallen und sie sich mit komplexeren Aufgaben befassen können.

Einige Beschäftigte im Logistikumfeld sehen die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen skeptisch – fürchten sie doch um ihre Arbeitsplätze. Wie begegnen Sie diesen Befürchtungen?
Fraas:
Um die Digitalisierung der Lieferkette in der gesamten Logistikbranche voranzutreiben braucht es nicht nur die richtigen Technologien, sondern auch digital versierte Mitarbeiter, die die Kunden beraten und unterstützen. Deswegen sollten Unternehmen nicht nur erfahrene Talente einstellen, sondern auch weiterhin in das bestehende Personal investieren, um sie auf die nächste Entwicklungsphase vorzubereiten. Darunter fallen Initiativen zur Höherqualifizierung und Umschulung, aber auch interne Schulungsprogramme, um die Mitarbeiter bei der Entwicklung der erforderlichen Fähigkeiten zu unterstützen. Wie schon erwähnt bedeutet Automatisierung auch eine Entlastung der Mitarbeiter.

Bei C.H. Robinson sind unsere Mitarbeiter einer der größten Wettbewerbsvorteile. Wir sind stolz darauf, dass sich unsere Kunden jeden Tag auf die Kompetenz unserer Mitarbeiter verlassen. In Anbetracht des derzeitigen schnellen technologischen Wandels in diesem Bereich ist konstante Weiterbildung unvermeidlich. Wir investieren konstant in unsere Mitarbeiter, um langfristig eine gesunde Pipeline wettbewerbsfähiger Talente zu erhalten. Für uns ist es wirklich wichtig, eine Unternehmenskultur zu haben, die das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung der Mitarbeiter unterstützt. Diese Bemühungen sind heute besonders relevant und minimieren die Unsicherheit unserer Mitarbeiter. In dem sich schnell verändernden Umfeld werden neue Rollen und sich entwickelnde Fähigkeiten erwartet und bei C.H. Robinson arbeiten wir bereits an der Zukunft der Lieferkette und investieren stark in die Technologie unserer führenden Plattform Navisphere sowie in die Expertise unserer Fachleute.

MOB: Ihre Supply-Chain-Lösung „Navisphere“ setzt auf Maschinelles Lernen – welche Vorteile bietet das?
Fraas:
Navisphere ist unsere Online-Business-Intelligence-Plattform, die sich vollständig in die eigenen Systeme der Kunden integrieren lässt und ihnen dabei hilft, die gesamten Logistikabläufe zu optimieren. Sie wurde entwickelt, um alle Aspekte der Lieferkette auf flexible und effiziente Weise zusammenzuführen. Intern entwickeln über 1.000 IT-Fachleute und Datenwissenschaftler die Plattform weiter. Außerdem nutzt ein globales Netzwerk von Experten diese Plattform, die jährlich mehr als 18 Millionen Sendungen weltweit verwalten. Navisphere bietet Auftrags- und Sendungsinformationen in Echtzeit, proaktive Warnmeldungen über externe Faktoren, die die Lieferkette stören können, sowie prädiktive und präskriptive Analysen. Kunden können so intelligente Entscheidungen treffen, schnell auf die sich ständig verändernde globale Lieferkettenlandschaft reagieren und potenzielle Unterbrechungen bewältigen. Das passiert alles von einer einzigen Technologieplattform aus mit Analysen, die durch den Einsatz von Algorithmen des maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz präsentiert werden.

Künstliche Intelligenz ist dabei das Herzstück und arbeitet mit Machine-Learning-Algorithmen, um die Leistung von mehr als zwei Petabyte Daten für die strategische Entscheidungsfindung zu nutzen, Lücken zu schließen, den Frachtfluss zu verbessern und die Kosten zu senken.

MOB: Wie hat sich die aktuelle Corona-Situation auf Ihr Geschäftsfeld ausgewirkt? Welche Erkenntnisse konnten Sie daraus gewinnen? Hat die Krise ggf. sogar als „Katalysator“ für die Einführung digitaler Prozesse gesorgt?
Fraas: Für viele Unternehmen hat die Pandemie ein Schlaglicht auf die Länge und Komplexität ihrer Lieferketten und auf die Tatsache geworfen, dass sie nicht den erforderlichen Weitblick auf die geographische Ausdehnung ihrer Liefernetzwerke haben. Dieser erfordert ein viel tieferes Verständnis der mehrstufigen Liefernetzwerke, der Lagerbestände und Verkäufe, einschließlich der geografischen Standorte der Lieferanten und der verschiedenen Waren, die sie durchlaufen; der Lagerbestände in den Lagern und an den Endpunkten (z.B. Einzelhandelsgeschäft oder Endlieferant) und des Kaufverhaltens der Käufer. Hier werden Technologie und die Digitalisierung der Lieferketten in Zukunft eine Schlüsselrolle spielen. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ermöglicht es nicht nur, die Auswirkungen eines unvorhergesehenen Störereignisses frühzeitig zu erkennen, sondern auch im schlimmsten Fall sofort den besten verfügbaren Lieferantenmix zu beschaffen.

Sich auf digitale Prozesse in der Lieferkette zu verlassen, wird das Unvorhersehbare vorhersehbar machen und eine erhöhte Sichtbarkeit bieten. Die Möglichkeit, Daten in Echtzeit zu erhalten ist entscheidend für die Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Effizienz von Lieferketten. In einer digitalisierten Lieferkette müssen Veränderungen also erkannt und es muss darauf eingegangen werden, bevor sie tatsächlich auftreten.

MOB: Welches sind die nächsten „großen“ Digitalthemen mit denen sich die Transportlogistik in den kommenden Jahren befassen wird?
Fraas:
Angesichts des rasanten Wandels scheint es fast unmöglich, genaue Vorhersagen über Zukunftstrends zu geben. Wir können aber davon ausgehen, dass Digitalisierung und maschinelle Lernsysteme weiterhin eine entscheidende Rolle in der digitalen Entwicklung der Branche spielen werden.

Digital gesteuerte Prozesse werden weiterhin entwickelt werden und das Ökosystem der Industrie verändern, was auf die kontinuierliche Entwicklung von Basistechnologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik, Internet der Dinge und Big Data Analytics zurückzuführen ist. Die Möglichkeit, dass 5G höchstwahrscheinlich der Treiber dieser Entwicklungen sein wird, scheint recht groß zu sein.

Um in Zukunft bestehen zu können, ist jedes Unternehmen auf Daten angewiesen. Die verschiedenen, aber miteinander verbundenen Elemente der Branche, wie z.B. verschiedene Mitarbeiterfunktionen, Lieferfahrzeuge, Materialtransportgeräte und Anlagensteuerungssysteme, erfordern seit jeher blitzschnelle Verbindungen mit geringer Latenzzeit und hoher Verfügbarkeit. 5G kann dies der Industrie problemlos bieten.

Die Digitalisierung vernetzt die Logistikbranche neu und führt zu neuen Höchstleistungen. Essenziell für solche Meilensteine sind – und werden es weiterhin sein – digitale Talente, also Fachleute, die sich die Möglichkeiten der Technologie zunutze machen können und Logistikunternehmen im Markt abheben lassen können.

Bildquelle: C.H.Robinson

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