Drohnen im Lager

Unabhängigkeit von manuellen Prozessen

Laut Benjamin Federmann, Managing Director der Doks. Innovation GmbH, hat die Corona-Pandemie in allen Industriebereichen deutlich gemacht, dass eine Unabhängigkeit von manuellen Prozessen Unternehmen besser durch Krisen kommen lässt. Die Nachfrage nach kontaktlosen Inventurlösungen sei derzeit hoch, meint er.

Benjamin Federmann, Doks. Innovation

„Hürden beim Einsatz autonomer Drohnen können durch den Aufbau des Lagers entstehen“, meint Benjamin Federmann von Doks. Innovation.

MOB: Herr Federmann, welche Herausforderungen stellen starke Schwankungen in der Nachfrage und ein deutliches Wachstum des Online-Vertriebs für die Lagerhaltung dar?
Benjamin Federmann:
Starke Schwankungen in der Nachfrage und ein deutliches Wachstum des Online-Vertriebs stellen die Lagerhaltung seit Beginn der Corona-Pandemie vor besondere Herausforderungen. Viele Lager, die früher in planbaren Abständen größere Ein- und Auslagerungen für den Stationärhandel vorgenommen haben, haben neue Kunden aus dem Bereich „E-Commerce“ dazugewonnen und müssen nun zunehmend kleinteiliger und häufiger für Online-Vertriebskanäle kommissionieren. Dies bedeutet eine umfassende Umstellung der Prozesse.

MOB: Wie können Unternehmen diesen Herausforderungen weiterhin begegnen?
Federmann:
Wichtig ist an dieser Stelle Flexibilität, um den sich ändernden Herausforderungen begegnen zu können. Eine Erholung der Wirtschaft muss mit der Digitalisierung und Automatisierung der kritischen Prozesse entlang der Lieferkette einhergehen, um resilienter für künftige Krisen zu werden. Dies umfasst neben automatisierter Picking-Prozesse auch die Themen „digitale Zwillinge“ und „automatisierte Datenerfassung, -analyse, -verarbeitung und -aufbereitung“ (Stichworte „Process Monitoring“ und „Dashboards“). 2020 hat deutlich gezeigt, dass der Mensch einen kritischen Faktor entlang der globalen Prozess- und Wertschöpfungsketten darstellt. Die „Schwächen“ des Einsatzes vieler Mitarbeiter auf engstem Raum haben sich bereits in Bereichen wie der Fleischindustrie oder der Landwirtschaft bemerkbar gemacht. Solche Szenarien drohen auch der Logistik bei regelmäßigen, jedoch nicht-wertschöpfenden und damit tendenziell ausgelagerten Aktivitäten wie beispielsweise der Bestandserfassung, bei der firmenfremdes Personal von Dienstleistern eingesetzt wird und Hygiene- und Abstandsregeln schwerlich einzuhalten sind. Hinzu kommt, dass sich bei höheren Durchlaufzyklen im Lager Einlagerungsfehler häufen können, die die Outbound-Prozesse negativ beeinflussen und den Bedarf für einen regelmäßigen Bestandsabgleich und eine Zuordnung der Stellplätze verstärken.

MOB: Welche Rolle spielen an dieser Stelle beispielsweise Drohnen?
Federmann:
Andere Branchen haben bereits erheblich vom Einsatz unbemannter Luftfahrzeuge oder Drohnen (UAV oder UAS) profitiert. Die digitale Landwirtschaft ist ohne die Unterstützung von Luftbildern, Sensordaten aus der Luft (Multi- oder Hyperspektraldaten) oder Volumeninformationen auf der Basis von Punktwolken fast undenkbar. Auch Landvermessung, digitale Baustellen und Industrieinspektionen profitieren seit vielen Jahren von automatisierten Drohnen. Im Vergleich dazu befindet sich die Logistik diesbezüglich noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Während das Thema „Drohnenverkehr“ noch an die Grenzen der Regulierung des Flugverkehrs stößt, ist der Einsatz von Drohnen im Rahmen von Bestandserfassungen in Blocklagerbereichen im Freien oder aber in Palettenregalen innerhalb von Gebäuden bereits heute möglich. Die ersten erfolgreichen Pilotprojekte haben gezeigt, dass Drohnen einen wesentlichen Mehrwert in Bezug auf Kosten- und Zeitersparnis bieten – eine Reduzierung um 80 Prozent und mehr ist möglich – sowie zu einer Entlastung der Humanressourcen im Zusammenhang mit der Bestandserfassung im Bereich von Palettenregallagern oder Leergutlagerflächen in der Automobilindustrie führen. Ein weiterer Aspekt ist die Unabhängigkeit von zusätzlichem Personal für Inventarisierungsaufgaben. Die Erfahrungen im Zusammenhang mit Covid-19 haben gezeigt, dass Drohnen, die automatisch Daten erfassen und Flüge abschließen können, einen positiven Einfluss auf die Reduzierung des Infektionsrisikos haben, da die Anzahl direkter Kontakte zwischen Mitarbeitern deutlich reduziert oder gar vollständig vermieden werden kann. Neben der Automatisierung bietet zudem auch die Verwendung eines digitalen Abbildes der Realität eine Reihe von Gründen, die dafür sprechen, sich auch in der Logistik auf Drohnen und künstliche Intelligenz zu verlassen.

Dabei ist wichtig, dass die eingesetzten Lösungen direkt zur Optimierung der Prozessqualität und -effektivität beitragen. In einer Umgebung, die immer noch von vielen manuellen Aktivitäten geprägt ist, die von den Mitarbeitern übernommen werden, spielen Genauigkeit, Planungssicherheit und nahtlose Kommunikation eine entscheidende Rolle. Gleichzeitig beeinflussen kurze Vertragslaufzeiten zwischen Logistikdienstleistern und Kunden mittel- und langfristig den Innovationsspielraum. Automatisierung ist nur möglich, wenn Flexibilität und Agilität erhalten bleiben. Neue Technologien, die mit hohen Anfangsinvestitionen verbunden sind, gewinnen auf dieser Basis nur langsam an Akzeptanz. Der automatisierte, digitale und regelmäßige Vergleich zwischen Ziel- und Ist-Werten in Enterprise-Management-Systemen (WMS oder ERP) kann jedoch mithilfe von Drohnen ohne hohe Investitionen und weitreichende Eingriffe in die etablierte Prozesslandschaft durchgeführt werden.

MOB: Welche Stolpersteine können beim Betrieb von autonomen Drohnen im Bereich der Bestandserfassung und -verwaltung im Lager auftreten?
Federmann:
Für den Einsatz autonomer Drohnen im Lager gibt es im Wesentlichen zwei Herausforderungen: Zum einen ist eine vollständig autonome Navigation der Drohne schwierig, weil in Lagern konstruktionsbedingt die GPS-Module nicht oder nur eingeschränkt funktionieren. Zum anderen haben Drohnen heute noch eine sehr begrenzte Flugzeit von maximal 20 Minuten, weil die Akkuleistung für längere Flüge nicht ausreicht. Inventairy XL löst als einziges Produkt auf dem Markt beide Herausforderungen durch die Kombination einer Drohne mit einem autonomen Bodenfahrzeug, dem Inventairy Rover. Die kontinuierliche Betriebszeit von Bodenfahrzeug und Drohne liegt bei bis zu fünf Stunden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Weitere Hürden beim Einsatz autonomer Drohnen können durch den Aufbau des Lagers entstehen. So ist es beispielsweise derzeit nicht möglich, Güter, die in zweiter oder dritter Reihe gelagert werden, autonom mit einer Drohne zu erfassen. Auch Blocklager oder Lagerbereiche mit Schüttgut eignen sich nur bedingt für eine Datenerfassung mit Drohnen. Für solche Lagertypen gibt es dann aber KI-basierte Lösungen wie beispielsweise Summairy. Ceiling für Indoor-Blocklager, das drohnenbasierte Summairy. Sky für Outdoor-Blocklager oder Summairy. Gate für ein sensorbasiertes In- und Outbound-Tracking.

MOB: Wie werden Zusammenstöße zwischen Drohne und Mensch vermieden, wenn beide im gleichen Lager arbeiten?
Federmann:
Bei der autonomen Lösung Inventairy XL verfügen beispielsweise sowohl Bodenroboter als auch Drohne über eine Collision Avoidance, die grundsätzlich einen Zusammenstoß vermeidet. Dennoch ist es sinnvoll, die Gänge zu sperren, in denen eine automatisierte Inventur mithilfe einer Drohne stattfindet. Verglichen mit kompletten Lagersperrungen für mehrere Tage bis Wochen bei manuellen Inventuren ist eine stundenweise Sperrung einzelner Gänge deutlich effizienter.

MOB: Inwieweit setzen deutsche Unternehmen bereits auf Drohnen in der Lagerlogistik?
Federmann:
Die Corona-Pandemie hat in allen Industriebereichen deutlich gemacht, dass eine Unabhängigkeit von manuellen Prozessen Unternehmen besser durch Krisen kommen lässt. Die Nachfrage nach kontaktlosen Inventurlösungen ist derzeit hoch. Unsere autonome Drohneninventurlösung wird produktiv bei Fiege, Rigterink und Rhenus eingesetzt, die drohnenbasierte Outdoor-Bestandserfassung bei Volkswagen. Aber auch weitere Anbieter kommen weltweit zum Einsatz, beispielsweise bei DSV Panalpina, Ceva Logistics, L’Oreal oder Volvo.

Bildquelle: Doks. Innovation

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