Mark Zimmermann hat mehr als 20 Jahre Berufserfahrung in der IT-Branche, bis heute ist sein Steckenpferd das optimale mobile Usererlebnis.
MOB: Herr Zimmermann, wer mit Strom arbeitet, lebt gefährlich: Immer wieder verletzen sich Servicetechniker schwer. Was hat die Netze BW bisher getan, um die eigenen Mitarbeiter bestmöglich zu schützen?
Zimmermann: Die Monteure der Netze BW sind für die Instandhaltung der öffentlichen Strom-, Gas- und Wasserversorgungsinfrastruktur zuständig. Unser Team ist rund um die Uhr im Einsatz, teilweise bei erhöhter Gefahrenlage wie beim Arbeiten in abgelegenen Gegenden, während eines Unwetters oder bei schlechten Sichtverhältnissen. Da besonders unsere Monteure dabei oft alleine sind, können lebensgefährliche Unfälle im schlimmsten Fall lange unbemerkt bleiben.
Deshalb setzen wir allgemein sehr stark auf den Arbeitsschutz unserer Mitarbeiter. Wir bieten zum einen regelmäßige Weiterbildungen zum Arbeiten unter Spannung an. Zum anderen sind einige Mitarbeiter dafür verantwortlich, die gefährlichen Arbeiten im Feld zu koordinieren und das Team vor Ort einzuweisen. Was ebenfalls nicht fehlen darf, ist sichere persönliche Schutzausrüstung.
MOB: Ihre Mitarbeiter nutzen seit Kurzem die Apple-Watch-App „Netze Watch“. Wie kam es dazu?
Zimmermann: Bereits seit einigen Jahren können die Monteure bei Abarbeitung der Workforcemanagmentaufträge ihre iPhones nutzen, um Prozessdaten im SAP-System für Workforcemanagement zu verarbeiten. Als die erste Apple Watch erschien und es möglich war, Apps je nach Bedarf selbst zu erstellen, beschäftigte sich mein Team damit, wie die Uhr unsere Arbeit sicherer machen kann. Allerdings stellten wir fest, dass der Akku und die CPU in den ersten Jahren zu leistungsschwach waren. Dies änderte sich mit Erscheinen der Serie 6. Also wollten wir eine Lösung entwickeln, bei der die Sicht der Nutzer im Fokus steht. Zum Jahreswechsel 2021/2022 nahmen wir uns der App-Entwicklung an, konzipierten die App „Netze Watch“ („NeWa“) und testeten sie in ersten Anwendungsfällen. Die konzernübergreifende Gruppe bestand aus Monteuren, Mitarbeitern aus dem DEVOPS-#mobile-Team, dem Netze-BW-Team „Mobility, Schutz & Sensorik“ sowie meinem Team zur App-Entwicklung. In der Anfangsphase haben wir eng mit der SAP als externe Partnerin zusammengearbeitet.
MOB: Und was genau sollte die App leisten können?
Zimmermann: Unser Ziel war, die Arbeitssicherheit bei Inspektionen sowie Einsätzen zur Wartung, Instandhaltung und Störungsbehebung maximal zu erhöhen. Als wir mit der Entwicklung anfingen, half es uns, auf bisherigen Erfahrungen aufzubauen. So nutzen unsere Monteure bereits seit vielen Jahren ein GPS-Notrufgerät. Dieses bietet Netze BW nicht nur den eigenen Monteuren an, sondern auch Dritten. Die NeWa-App ergänzt dieses Portfolio und wird bis Jahresende in der deutschsprachigen DACH-Region auch für externe Kunden verfügbar sein.
MOB: Wie hilft Ihnen die App im Arbeitsalltag? Wie genau funktioniert sie?
Zimmermann: Zu Beginn fragt die App ein Zeitfenster ab, wie lange die Monteure für eine bevorstehende Tätigkeit brauchen. Bevor das Zeitfenster abläuft, muss die jeweilige Person dann bestätigen, dass sie unverletzt ist und die Arbeit beendet hat. Bleibt die Bestätigung aus, sendet die App eine Notfallmeldung an die Leitstelle der Netze BW. Damit auch die richtige Hilfe zur richtigen Stelle kommt, können Mitarbeiter im Vorhinein den automatisch ermittelten Standort bestätigen oder anpassen – und ebenso die zu alarmierende Rettungskette wie etwa Polizei und Krankenwagen auswählen. Auch eine manuelle Notfallmeldung ist jederzeit möglich. In diesem Fall beginnt ein fünf Sekunden langer Countdown, bevor die App den Sofort-Alarm auslöst und die hinterlegte Kette kontaktiert.
MOB: Auf welche Aspekte und Features haben Sie bei der Anwendung besonderen Wert gelegt?
Zimmermann: Unsere App sollte von Anfang an gewährleisten, dass wir je nach Bedarf neue Funktionen hinzufügen können. Bei der Entwicklung war von entscheidender Bedeutung, wo die Uhr getragen wird, wie sensibel die Sensorik ist, was sie messen kann und wie hoch die grafische Auflösung des User Interface eingestellt ist. Zusätzlich ist unsere App an die Apple-eigene Sturzerkennungsfunktion angebunden. Wenn ein Sturz registriert wird und sich die Person für etwa eine Minute nicht bewegt, gibt die Uhr einen Alarm an die örtliche Notfallrettung weiter und verständigt den Rettungsdienst sowie die von den Monteuren hinterlegten Notfallkontakte. Diese Funktion haben wir so erweitert, dass wir zusätzlich den Hinweis in unserer Leitstelle erhalten, dass ein Sturz vorliegt und Rettungskräfte unterwegs sind.
MOB: Sie haben die App in Kooperation mit SAP entwickelt. Wie war die Zusammenarbeit?
Zimmermann: Für uns hat sich das AppHaus von SAP angeboten – ein Raum für Design-orientierte Zusammenarbeit und Innovation. Gemeinsam haben wir begonnen, die sicherheitstechnischen Anforderungen unserer Monteure zu durchdringen und eine entsprechende App zu konzipieren. In nur vier Werktagen entstanden so zusammen mit der SAP skizzierte High-Fidelity-Bildschirme, das heißt, dass die Monteure eine Vorstellung bekommen haben, wie die spätere Nutzung aussieht. Nach den ersten gemeinsamen Schritten waren wir in der Lage, die NeWa-App mit internen Entwicklern umzusetzen.
MOB: Wollen Sie noch weitere Funktionen in der App integrieren? Was planen Sie in Zukunft?
Zimmermann: Für den konzerninternen Einsatz verbinden wir in Kürze unsere NeWa-App mit einer Schnittstelle zu unserer bestehenden iOS-Instandhaltungs-App „NeMo“ („Netze Mobile“) und dem dahinter liegenden SAP-System. In diesem System sind die Tagesaufträge hinterlegt. Daneben ist für Störungseinsätze die App „NeMi“ („Netze Mitteilung“) im Einsatz. Löst ein Leistungsschalter in einem Umspannwerk aus, informiert die Smartwatch die Mitarbeiter innerhalb von Sekunden mithilfe einer Nachricht und eines Warntons.
Mit Blick auf die Zukunft gehen uns die Ideen nicht aus: So überlegen wir, insbesondere die Analyse des Herzschlags in die NeWa-App aufzunehmen. Eine Möglichkeit wäre auch, die Arbeitsumgebung zu erfassen und auszuwerten – etwa anhand der gemessenen Temperatur oder indem Machine-Learning-Software die Umgebungsgeräusche verarbeitet. Bevor wir diese Konzepte umsetzen, müssen wir sie jedoch nicht nur technisch, sondern auch (Datenschutz-)rechtlich prüfen. Natürlich sind während der gesamten Zeit auch die notwendigen Gremien wie Betriebsrat, Datenschutz, Informationssicherheit mit am Tisch. Nur gemeinsam können wir diesen innovativen Weg gehen.
Bildquelle: Mark Zimmermann