Lieferkettengesetz

„Unternehmen befürchten mehr Bürokratie“

„Wir sehen, dass Unternehmen aller Branchen derzeit mit Hochdruck an der Digitalisierung von Einkaufsprozesse arbeiten und Kompetenzen für nachhaltigen Einkauf aufbauen“, so Alex Saric, Experte für Smart Procurement bei Ivalua, im Interview. Inwieweit das gelinge, hänge von der technisch-organisatorischen Reife der Unternehmen ab.

Alex Saric, Experte für Smart Procurement bei Ivalua

„Unternehmen sollten damit rechnen, dass sie früher oder später für die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen und strengerer Umweltvorschriften in ihrer gesamten Lieferkette verantwortlich gemacht werden“, betont Alex Saric.

MOB: Herr Saric, welchen Einfluss haben die weltweite Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine in den letzten Wochen und Monaten auf die hiesigen Lieferketten von Unternehmen ausgeübt?
Alex Saric: Die Corona-Pandemie und die Krise in der Halbleiterindustrie führen nach wie vor zu Lieferengpässen für wichtige Einzelteile und Baugruppen – vor allem in der produzierenden Industrie. Der Krieg gegen die Ukraine hat die Probleme weiter verschärft: Insbesondere Unternehmen mit geringer Fertigungstiefe und Lieferanten aus der Ukraine und Russland haben derzeit große Mühe, ihre Produktion aufrecht zu erhalten, und müssen diese sogar massiv einschränken. Ein gutes Beispiel dafür ist die Automobilindustrie: Durch ausbleibende Lieferungen von Kabelbäumen aus ukrainischen Werken mussten einige Hersteller ihre Produktion herunterfahren. Infolgedessen ist selbst bei Standardmodellen derzeit mit außergewöhnlich langen Lieferzeiten zu rechnen.

MOB: Was sind die derzeit größten Probleme bzw. Stolpersteine im Supply Chain Management (SCM)?
Saric: Es sind im Grunde drei Herausforderungen: Viele Unternehmen kennen zwar ihre direkten Top-Lieferanten, doch fehlen ihnen leider oft Informationen über Sub-Tier-Lieferanten. Das bedeutet: Sie können kritische Abhängigkeiten nicht auf den ersten Blick erkennen. Hinzu kommen fehlende Integrationsmöglichkeiten für externe Risikoinformationen, deren strukturierte Bewertung sowie die Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für den Einkauf. Außerdem haben sie oft Schwierigkeiten, bei Ausfällen oder Lieferverzögerungen rechtzeitig die passenden Ersatzlieferanten zu finden.

MOB: Eine weitere Herausforderung stellt sicherlich das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) dar, das ab dem 1. Januar 2023 in Kraft treten soll (erst einmal nur für Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigen; ein Jahr später dann auch für Betriebe mit mehr als 1.000 Mitarbeitern). Welche Kritikpunkte gibt es seitens der Unternehmen?
Saric: Unternehmen befürchten mehr Bürokratie, steigende Kosten sowie eine Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Mitbewerbern, die ihrerseits nicht von den Regelungen betroffen sind. Umso wichtiger ist es, den zusätzlichen Aufwand mit den richtigen Tools möglichst niedrig zu halten und beispielsweise auf Knopfdruck für die neuen Nachweise IT-gestützt die erforderlichen Daten und Berichte zu aggregieren und für und neue oder angepasste Prozesse so weit wie möglich zu automatisieren.

MOB: Welche Chancen soll das Gesetz bieten?
Saric: Die Nachfrage nach nachhaltig und unter fairen Arbeitsbedingungen erzeugten Produkten steigt bereits seit längerem seitens der Verbraucher selbst. Viele Unternehmen verpflichten sich deshalb mit einem „Code of Conduct“ freiwillig zur Einhaltung internationaler Standards – und verlangen dies auch von ihren Lieferanten. Ich denke, das Lieferkettengesetz wird als Katalysator wirken und Unternehmen motivieren, die Einhaltung internationaler Standards weiter voranzutreiben und dies auch nachzuweisen. Zudem bietet das Gesetz den idealen Anlass, um Einkaufsprozesse vollständig zu digitalisieren und ein professionelles Risikomanagement aufzusetzen, das Informationen externer Datenlieferanten aggregieren, auswerten und Erkenntnisse dem Einkauf als konkrete Handlungsempfehlung zur Verfügung stellen kann.

MOB: Inwieweit eröffnet das Gesetz neue Spielfelder und Kooperationsmöglichkeiten, z.B. für Start-ups?
Saric: Die Bewertung von Lieferanten erfordert eine Vielzahl unterschiedlicher Informationen. Gleiches gilt für die Ermittlung des CO2-Fußabdruckes in Lieferketten und auf Bestellebene. Unternehmen, Einkauf und auch Hersteller von Einkaufssoftware haben folglich ein starkes Interesse, an diese Informationen zu gelangen und mit innovativen Start-ups zusammenzuarbeiten. Zu den derzeit interessantesten zählen meiner Ansicht nach Carbmee, Ecovadis und Tealbook.

MOB: Wie machen Unternehmen schon heute ihre Beschaffungs- und Einkaufsorganisation fit für das Lieferkettengesetz 2023?
Saric: Die Umsetzung des deutschen Lieferkettengesetzes bedeutet vor allem eine Erweiterung des bestehenden Risikomanagements um CSR-Risiken. Viele Unternehmen betreiben derzeit einen hohen Aufwand, um die geforderte Bewertung ihrer direkten Lieferanten sicherzustellen – sei es durch die Anschaffung neuer Risikomanagement-Software oder die strategische Zusammenarbeit mit externen Partnern. Vor allem große Unternehmen arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Kompetenzen im Bereich „Nachhaltigkeit“ auf den Einkauf auszuweiten. Trotzdem erwarte ich, dass ein nicht unerheblicher Teil der Unternehmen, der einen zu geringen Digitalisierungsgrad aufweist, noch nicht vollständig auf das Lieferkettengesetz vorbereitet ist – und die geforderte Deadline wohl verfehlen wird.

MOB: Welche mobilen Technologien und Lösungen können bei der Digitalisierung der Lieferketten helfen und damit für effizientere und transparentere Prozesse sorgen?
Saric: Um ein Mindestmaß an Transparenz in internationalen Lieferketten zu erreichen, müssen Unternehmen einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Die Digitalisierung ihrer Einkaufsprozesse ist eine notwendige Voraussetzung, damit sie die Einhaltung von Vorschriften auf Seiten ihrer Lieferanten kontinuierlich überwachen können. Dazu muss eine regelmäßige und intensive Kommunikation mit Zulieferern stattfinden – ganz gleich ob am festen Arbeitsplatz oder über ein passendes Mobilgerät. Valide externe Risikodaten spielen bei der Bewertung von Lieferanten eine entscheidende Rolle. Unternehmen müssen ihren Einkauf befähigen, CSR-Risiken bereits vor einer Bestellung zu bewerten und sich für die passenden Lieferanten zu entscheiden – und diese Entscheidungen rechtssicher zu dokumentieren. Um mit der Entwicklung Schritt zu halten, sollte die eingesetzten Einkaufssoftware flexibel aufgebaut sein und Möglichkeiten zur Datenintegration bieten. Insofern sehe ich auch die Entwicklungen der Deutschen Telekom, per Video-Übertragung mit Augmented Reality (AR) einzelne Zulieferer in Form von Online-Audits zu überprüfen, als sinnvoll an. Entsprechende Daten sollten aber in bestehende Einkaufslösungen integrierbar und dort auch auszuwerten sein.

MOB: Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik bei der Automatisierung von Lieferkettenprozessen?
Saric: Automatisierung ist ein großes Thema im Einkauf. Sie unterstützt Organisationen beim Onboarding neuer Lieferanten, beschleunigt die Beschaffung von Waren und Dienstleistungen, die Zahlung von Rechnungen und verbessert die Zusammenarbeit mit Lieferanten. Voraussetzung dafür ist ein durchgängig digitalisierter Source-to-Pay-Prozess – angefangen bei der Ausschreibung, über die Beauftragung, Lieferung bis zur Bezahlung.

MOB: Welche Herausforderungen gilt es hierbei noch zu bewältigen?
Saric: Unser Eindruck ist es, dass Software-Lösungen allein oder Vorgaben von oben herab für eine erfolgreiche Modernisierung nicht ausreichen. Einkaufsorganisationen sollten die Gelegenheit nutzen, das Verhältnis zu ihren Partnern auf ein neues Level zu heben und deutlich enger zusammenzuarbeiten als bisher. Dafür gilt es, Konsens über veränderte Kundenanforderungen herzustellen, sich auf die Notwendigkeit deutlich größerer Transparenz einlassen und diese vertraglich vereinbaren. Diese neue Form der Partnerschaft ist unerlässlich, wenn die Verantwortung auch auf Sub-Lieferanten und deren Partner ausgedehnt wird – beispielsweise mit einem EU-Lieferkettengesetz. Stand heute können Unternehmen noch keine vollständige Transparenz über ihre Lieferkette sicherstellen, da sie die Partner ihrer Lieferanten nicht kennen. Der Grund: Viele Sub-Lieferanten sind vertraglich zu Stillschweigen verpflichtet und dürfen nicht über Kundenbeziehungen sprechen und diese folglich auch nicht schriftlich für Dritte dokumentieren. Lieferkettentransparenz ist derzeit noch eine Zukunftsvision, die zwar technisch lösbar ist, jedoch nur durch veränderte Kundenbeziehungen praktisch möglich wird.

MOB: Welche Trends sehen Sie in der Logistikbranche 2022?
Saric: Unternehmen sollten damit rechnen, dass sie früher oder später für die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen und strengerer Umweltvorschriften in ihrer gesamten Lieferkette verantwortlich gemacht werden. Dies zeigt sich beispielsweise am ersten Entwurf für ein EU-Lieferkettengesetz, das auch für die Logistikbranche gilt: Unternehmen agieren als Lieferanten und kaufen Produkte und Dienstleistungen von Dritten ein. Wir sehen, dass Unternehmen aller Branchen derzeit mit Hochdruck an der Digitalisierung von Einkaufsprozesse arbeiten und Kompetenzen für nachhaltigen Einkauf aufbauen – inwieweit das gelingt, hängt von der technisch-organisatorischen Reife der Unternehmen ab.

Bildquelle: Ivalua

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