Der große Vorteil von Health-Apps ist ja, dass sie im Gegensatz zu vielen analogen medizinischen Versorgungsszenarien von vorneherein den User-Nutzen in den Mittelpunkt stellen“, sagt Dr. Uso Walter von Mynoise.
MOB: Apps, die sich mit der psychischen und physischen Gesundheit von Usern befassen, waren vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland kaum verbreitet. Inwieweit hat sich diese Situation verändert und wie ist heute der Stand?
Dr. Uso Walter: Der Markt für Gesundheitsapps wächst seit Jahren, was vor allem damit zusammenhängt, dass es einen deutlichen Zuwachs an Gesundheitswissen in der Bevölkerung gibt und die Akzeptanz, digitale Produkte zu nutzen, bei den Anwendern stetig zunimmt. Darüber hinaus wird es für Nutzer immer einfacher, seriöse medizinische Apps von reinen Wellnessprodukten zu unterscheiden.
MOB: Was sind die Gründe, die zu diesem Wechsel im Denken der Deutschen und auf dem App-Markt beigetragen haben?
Walter: Insbesondere das Gesetz zur Verbesserung der Versorgung durch digitale Medizinprodukte hat zu einem Umdenken geführt. Für Hersteller ist es jetzt möglich, in einer Erprobungsphase klinische Studien zu erstellen und dadurch medizinisch hochwertige Apps überhaupt erst an den Markt zu bringen. Gleichzeitig übernehmen die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Patienten, was die Akzeptanz bei Ärzten und Anwendern deutlich erhöht.
MOB: Welche Arten von Gesundheits-Apps sind derzeit besonders beliebt? Welche gibt es besonders häufig auf dem Markt?
Walter: Gerade im Bereich Mental Health sind Gesundheitsapps mittlerweile weit verbreitet, da die entsprechenden psychologischen Therapieverfahren relativ unkompliziert digital transformiert werden können, eine niedrige Risikoklassifizierung bei der Medizinproduktezulassung besitzen und darüber hinaus ihre Wirksamkeit bereits in vielen klinischen Studien unter Beweis stellen konnten. Darüber hinaus sind keine Nebenwirkungen bei der Anwendung zu erwarten. Auch der Mangel an verfügbaren Therapeuten trägt sicher zur zunehmenden Ausbreitung bei. Demgegenüber haben es Apps bei physischen Erkrankungen immer noch etwas schwerer und hinken zahlenmäßig noch etwas hinterher.
MOB: In welchen Bereichen gibt es aktuell noch Marktlücken?
Walter: Je höher die Risikoklassifikation einer digitalen Gesundheitsanwendung ist, desto größer ist der Aufwand der Entwicklung. In Bereichen, die körperliche Vitalfunktionen wie Blutdruck, Blutzucker oder den Herzrhythmus überwachen, wären daher noch weitere Anwendungen denkbar.
MOB: Worauf genau sollten Unternehmen achten, wenn sie eine Gesundheitsapplikation entwickeln und auf den Markt bringen wollen? Welche „Basics“ müssen Health-Apps erfüllen – vor allem mit Blick auf den Nutzerkomfort?
Walter: Der große Vorteil von Health-Apps ist ja, dass sie im Gegensatz zu vielen analogen medizinischen Versorgungsszenarien von vorneherein den User-Nutzen in den Mittelpunkt stellen. Intuitive Nutzerführung, Barrierefreiheit und einfachste Bedienung stehen daher genauso wie die Datensicherheit von Anfang an im Mittelpunkt der Entwicklung.
MOB: Welche Rolle spielen die Themen „Sicherheit“ und „Datenschutz“ im Bereich der Health-Apps und wie sicher sind diese z.B. vor Cyberkriminellen?
Walter: Gerade bei sensiblen medizinischen Daten muss die Sicherheit absolute Priorität haben. Daher ist es sinnvoll in diesem Bereich ein Datenspargebot zu berücksichtigen, soll heißen, Daten sollten nach dem Motto erhoben werden: So viele Daten wie nötig, aber so wenig Daten wie möglich. Ansonsten garantiert die Einhaltung der nationalen und internationalen Datenschutzbestimmungen zumindest eine relative Sicherheit.
MOB: Inwiefern spielt Künstliche Intelligenz eine Rolle im Bereich der Health-Apps? Was kann KI generell im Bereich „Gesundheit“ leisten?
Walter: Das Potenzial ist enorm: Je mehr Daten intelligent ausgewertet werden, desto individueller und zielgerichteter kann eine Behandlung erfolgen. In der Praxis scheitert das aber momentan an den gesetzlichen Bestimmungen, denn: Jede Abweichung von der standardisierten Behandlung bedeutet eine eigenständige Entscheidung der Logarithmen und ist in den momentanen Zulassungsverfahren für digitale Gesundheitsanwendungen nicht vorgesehen.
MOB: Wie sieht die Zukunft der Gesundheits-Apps aus, auch mit Blick auf Technologien wie Virtual Reality? Wird sich deren Akzeptanz weiter erhöhen und was können sie künftig noch leisten?
Walter: Wir stehen insgesamt noch ganz am Anfang der digitalen Therapieformen und die Leistungsfähigkeit der Anwendungen wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten deutlich erhöhen. Das muss aber immer im Gleichschritt mit gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Akzeptanz aller Stakeholder im Gesundheitswesen erfolgen und das bedeutet aus bisheriger Erfahrung, dass es nicht wirklich schnell gehen wird.
Bildquelle: Mynoise GmbH