Ergebnisse statt Präsenz

„Vertrauen statt Kontrolle ist hier die Devise“

„Ein kluger Unternehmer sollte die Wünsche seiner Mitarbeiter immer ernst nehmen und in seine Planungen einbeziehen“, meint Thomas Kuckelkorn, Manager PR & Kommunikation der BCT Deutschland GmbH. Denn nur motivierte Mitarbeiter seien gute Mitarbeiter.

Thomas Kuckelkorn, BCT Deutschland GmbH

„Remote Work wird das klassische Büro nicht ersetzen, sondern ergänzen“, meint Thomas Kuckelkorn von BCT.

MOB: Herr Kuckelkorn, kürzlich feierte die Covid-19-Pandemie ein trauriges Jubiläum. Wie haben sich im Vergleich dazu die Homeoffice-Nutzerzahlen in Deutschland in den vergangenen Monaten entwickelt? Wo stehen wir aktuell?
Thomas Kuckelkorn:
Grundsätzlich hat eine positive Tendenz zu mehr mobilem Arbeiten eingesetzt. Einer repräsentativen Befragung des Digitalverbands Bitkom zufolge, arbeiteten im Dezember 2020 rund 45 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland ausschließlich oder teilweise von zu Hause aus; vor der Pandemie waren das gerade einmal 18 Prozent. In der Konsequenz möchte künftig sogar jeder Achte ausschließlich im Homeoffice oder mobil arbeiten. Das Homeoffice ist also gekommen, um zu bleiben.

MOB: Sind es eher die Groß- oder Kleinunternehmen, die verstärkt auf Homeoffice setzen?
Kuckelkorn:
Homeoffice war bei Konzernen und größeren Unternehmen auch schon vor der Pandemie nicht komplett neu, wohingegen sich kleinere Unternehmen meist schwer taten und tun. Das bestätigt auch eine Studie des ifo-Instituts, wonach Ende 2020 knapp ein Drittel der Angestellten von Großunternehmen im Homeoffice arbeiteten, bei den KMU aber nur knapp ein Viertel. Diese Diskrepanz hängt allerdings von mehreren Faktoren ab: Größere Unternehmen und Konzerne sind im Allgemeinen beispielsweise „digital-affiner“, besser ausgestattet und die Mitarbeiter entsprechend geschulter. Sie können also in der Regel auch bei den Arbeitsmodellen schneller „umschalten“, wohingegen die physische Präsenz der Mitarbeiter gerade bei KMU häufig nach wie vor noch unabdingbar ist.

MOB: Inwieweit haben sich die „neuen“ Prozesse im Leben der Arbeitnehmer nach nun gut einem Jahr Pandemie eingespielt?
Kuckelkorn:
Was die Umstellung auf neue Arbeitsweisen und -orte betrifft, im Wesentlichen überraschend gut. Wobei sich vielerorts eine gewisse „Homeoffice-Müdigkeit“ eingestellt zu haben scheint, was sich ja an den wieder steigenden Mobilitätsraten zeigt. Der Mensch ist ein soziales Wesen; digitale Begegnungen sind nur bedingt bzw. kein exklusiver Ersatz. Was die Etablierung neuer Arbeitsprozesse betrifft, hat sich ebenfalls etwas getan. Beim Blick auf die Ergebnisse des Bitkom Digital Office Index 2020 wird beispielsweise deutlich, dass die Digitalisierung von Büro- und Verwaltungsprozessen auf dem Vormarsch ist und dass die Pandemie für einen immensen Aufschwung im Bereich der Digitalisierung von Briefpost gesorgt hat. Zudem haben inzwischen mehr als vier von fünf Organisationen Cloud-Dienste im Einsatz, was die Basis für digitalbasierte Prozesse ist. Allerdings wird das Potenzial insgesamt oft noch nicht vollständig ausgeschöpft.

MOB: Welche mobilen/digitalen Tools sind im Rahmen der Homeoffice-Offensiven in den Fokus gerückt und erweisen seitdem nützliche Dienste?
Kuckelkorn:
Werkzeuge wie Microsoft Teams und Zoom sind als Ersatz für die direkte Einzel- und Gruppenkommunikation natürlich sehr beliebt geworden, denn sie ersetzen ein Stück weit den physischen Kontakt. Diese Tools bilden Interaktion, Kommunikation und die Zusammenarbeit ab. Aber: Um mobil und flexibel arbeiten zu können, muss gewährleistet sein, dass Mitarbeiter von überall aus Zugriff auf die für sie relevanten Informationen haben. Daher besteht auch eine steigende Nachfrage nach Cloud-basierten Lösungen, insbesondere Business-Software für das Digital Office, die das zeit- und ortsunabhängige Arbeiten und den verantwortungsvollen, sicheren und nachhaltigen Umgang mit Informationen überhaupt erst ermöglicht.

MOB: Was waren und sind noch jetzt häufige Stolpersteine bei der Arbeit im Homeoffice?
Kuckelkorn:
Dass Deutschland beim Thema „Breitband“ im internationalen Vergleich hinterherhinkt, ist nach wie vor ein großes infrastrukturelles Problem. Aus technischer Sicht ist außerdem die noch nicht optimale Digitalisierung der Unternehmensprozesse zu nennen. Laut Bitkom arbeitet etwa nur jedes zehnte Unternehmen komplett papierlos. Die Tendenz der „deutschen“ Liebe zum Papier ist zwar rückläufig, aber dennoch ist der Umgang mit Medienbrüchen ein ernst zu nehmender Faktor auf dem Weg zum produktiven ortsunabhängigen Arbeiten. Aus menschlicher Sicht ist sicherlich die physische soziale Entkopplung zu nennen. Zudem sind Videokonferenzen mental anstrengender und belastender als reale Termine, Stichwort „Zoom Fatigue“. Und nicht zuletzt bleibt auch die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben schwierig: Menschen haben mehr Stress und Überstunden, weniger Pausen und Ruhephasen und füllen aktuell mehrere Rollen – Angestellter, Lehrer, Elternteil, Privatperson etc. – zugleich aus.

MOB: Inwieweit bremsen die Unternehmen selbst das effektive Remote-Arbeiten ihrer Mitarbeiter durch beispielsweise Kontrollverlustängste und das Bestehen auf Präsenz aus?
Kuckelkorn:
Wenn das arbeitgeberseitige Bestehen auf Präsenz einzig auf der Angst vor einem Kontrollverlust fußt, dann halte ich das weder für vertrauensvoll und zeitgemäß, noch für epidemiologisch und gesellschaftlich verantwortungsvoll in der der aktuellen Situation. Statt auf eine konsequente Präsenzpflicht zur Erfüllung von Arbeitsstunden zu bestehen, sollten Unternehmer den Fokus auf den qualitativen Output ihrer Mitarbeiter legen. Dazu sollten sie ihnen den Raum und die Freiheit geben, neben dem Arbeitsort auch ihre Arbeitszeiten innerhalb eines vereinbarten Rahmens flexibel zu gestalten. Ergebnisse statt Präsenz; Vertrauen statt Kontrolle ist hier die Devise.

MOB: Inwieweit bereiten sich die Unternehmen bereits auf die Post-Covid-19-Ära vor und entwerfen Konzepte für die Zukunft der Büroarbeit?
Kuckelkorn:
Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gaben zwei Drittel der befragten Firmen an, nicht vorzuhaben, den Mitarbeitern nach der Pandemie mehr Homeoffice als davor zu ermöglichen. Wer den Wandel der Arbeitswelt für eine reine „Covid-19-Erscheinung“ hält, hat jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die vielzitierte „neue Normalität“ ist da, sie wird nicht mehr verschwinden. Insofern ist es aber begrüßenswert, dass sich immer mehr Unternehmen mit neuen Arbeitswelten beschäftigen und langfristig neben dem Homeoffice-Büro-Mix auch eine Umgestaltung der Büroflächen anstreben.

MOB: Wie gestalten sich mittlerweile die Wünsche der Mitarbeiter und inwieweit werden diese bei den Planungen berücksichtigt?
Kuckelkorn:
Ein kluger Unternehmer sollte die Wünsche seiner Mitarbeiter immer ernst nehmen und in seine Planungen einbeziehen, denn nur motivierte Mitarbeiter sind gute Mitarbeiter. Die optimale Vereinbarkeit von Beruf und Familie – und das damit verbundene Homeoffice bzw. die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten – ist inzwischen ohnehin eines, wenn nicht sogar das wichtigste Kriterium bei der Auswahl von Arbeitsstellen. Das wird für Mitarbeiter aller Altersklassen immer wichtiger. Speziell im „War for Talents“, dem Kampf um junge qualifizierte Fachkräfte, ist es aber ein Fakt, dem sich kein Arbeitgeber mehr verschließen kann.

MOB: Wie könnte eine ganzheitliche Strategie für die Arbeitswelt nach der Pandemie aussehen, mit der sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer zufrieden sind?
Kuckelkorn:
Wenn wir die Zukunft der Arbeit konkret verändern wollen, bedarf es einer grundsätzlichen Bereitschaft zu mehr Resilienz und Agilität im Business – und einer umfassenden Strategie für ein „neues Arbeiten“: Unternehmen sollten sich mehr an der Gewinnung von Ergebnissen orientieren, statt an einer Präsenzpflicht festzuhalten. Oftmals können Mitarbeiter selbst besser einschätzen, wo und wie sie ihre Arbeit effektiver, effizienter und – ebenso wichtig – mit Freude erledigen können. Neben mehr Selbstständigkeit seitens der Mitarbeiter erfordert dieses neue Arbeiten seitens der Unternehmer und Manager einen Führungsstil mit weniger Hierarchien und mehr Vertrauen, sowie eine entsprechend offene Organisationsstruktur und -kultur. Das Ergebnis ist eine veränderte Mentalität auf allen Ebenen, bei der Arbeit auch ganz neu gedacht wird: ergebnisorientiert, flexibel und selbstbestimmt.

MOB: Ist Remote Work letztlich gekommen, um zu bleiben?
Kuckelkorn:
Ganz sicher! Aber Remote Work wird das klassische Büro nicht ersetzen, sondern ergänzen. Eine repräsentative Bitkom-Befragung im März 2021 hat etwa ergeben, dass nur jeder achte Arbeitnehmer ab 16 Jahren künftig ausschließlich im Homeoffice oder mobil arbeiten möchte. Ich denke also, dass das physische Büro in der Zukunft viel mehr zum Ort der Begegnung wird, an dem ein „Miteinander“ intensiver gelebt werden kann. Es wird Hybridformen der Arbeit geben, die sich aus der jeweiligen Tätigkeit entwickeln: Viele Chancen und Ideen entstehen aus Gesprächen. Dieser kreative Austausch ist sowohl analog als auch virtuell möglich. Bei zielorientierter Teamarbeit oder dem Austausch von Know-how ist aber das Büro im Grunde unschlagbar. Ruhiges, konzentriertes Arbeiten funktioniert hingegen oft am besten am Einzelarbeitsplatz – unabhängig davon, ob sich dieser im Büro des Arbeitgebers, zu Hause oder in einem Café befindet.

Bildquelle: BCT

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