„Private 5G-Netze erlauben völlig neue Anwendungsfälle“, erklärt Carsten Schmitz. „Das macht sie besonders wertvoll für Smart Factories.“
MOB: Herr Schmitz, inwieweit ist die Smart Factory auf 5G angewiesen?
Schmitz: Ein smarter Produktionsprozess setzt eine hohe Netzwerkverfügbarkeit voraus, etwa wenn mobile Anwendungen zum Einsatz kommen. Das lässt sich nur mit einem privaten 5G-Netz – kurz P5G – realisieren. Mobile Einsatzszenarien wie autonom arbeitende Maschinen sind auf eine drahtlose Vernetzung angewiesen, heutige Wlan-Umgebungen stoßen aber an Grenzen: Kunden berichten uns, dass Übergaben von einem Sender zum nächsten bei Transportrobotern zu Unterbrechungen von bis zu 20 Sekunden führen. Auch mehr Sender können dieses Problem nicht lösen. P5G ist hier alternativlos. An Orten mit starkem Publikumsverkehr, beispielsweise Flughäfen, klagen die Betreiber zudem über volle öffentliche Funkspektren. Bei einer solchen Überlastung bietet ein privates Frequenzspektrum mit P5G ebenfalls einen Ausweg. Auch im Außenbereich führt an privaten 5G-Netzen kein Weg vorbei, denn die Abdeckung auf dem Firmengelände ist enorm: Ein 5G-Sender kann 50 oder mehr Wlan-Außenantennen ersetzen.
MOB: Warum zögern noch viele Unternehmen, die Technologie zu implementieren?
Schmitz: Vielen deutschen Unternehmen fehlen derzeit die nötigen Mittel, um in Innovationen zu investieren. Andererseits wissen viele auch nicht, welche Möglichkeiten ihnen private 5G-Netze bieten, oder sie verwechseln die Technologie mit öffentlichen Mobilfunknetzen. Es hält sich z.B. hartnäckig die Ansicht, dass keine 5G-fähigen Endgeräte verfügbar sind. Diese Punkte führen dazu, dass Firmen weiter in Wlan-Netze investieren, obwohl diese neue betriebsinterne Anwendungsfälle technisch gar nicht sinnvoll unterstützen.
MOB: Woran hapert es gerade bei kleinen Unternehmen an der Umsetzung des Funkstandards?
Schmitz: Die Technik von 5G-Netzen ist sehr komplex. Ohne erfahrene Partner sind die Beantragung der Frequenz, der Aufbau oder der Betrieb nicht möglich. Für die Umsetzung müssen Firmen mindestens eine fünfstellige Summe investieren; dies ist gerade für kleinere Firmen ein großes Hindernis. Aber auch hier gibt es natürlich Ausnahmen: Unterstützt Private 5G das Geschäftsmodell optimal, rechnen sich die Ausgaben. Ein gutes Beispiel dafür ist ein kleines Agarunternehmen mit großen Flächen, das täglich aktuelle Drohnenbilder benötigt, um quasi vom Schreibtisch aus kranke Pflanzen aufzuspüren.
MOB: Welche weiteren Vorteile und Möglichkeiten bieten firmeneigene Campusnetzwerke?
Schmitz: 5G-Campusnetze ermöglichen die volle Kontrolle über das Netzwerk auf einem Produktionsgelände. Um ein Beispiel zu nennen: An einem Tag mit starkem Fluggastaufkommen befinden sich 220.000 Menschen am Frankfurter Flughafen, den unser Kunde Fraport AG betreibt. Alle nutzen öffentliche Netze wie 4G/5G und Wlan. Landen nun mehrere Maschinen und die Passagiere schalten gleichzeitig ihr Smartphone ein, ist das Netz hoffnungslos überlastet. Erst mit P5G ist Fraport in der Lage, seine eigenen digitalen Prozesse auf dem Vorfeld trotz voller öffentlicher Funkspektren jederzeit ungestört und hochverfügbar betreiben zu können. Neben der vollen Kontrolle erschließen sich durch 5G-Campusnetze neue Anwendungsfälle, die vorher gar nicht möglich waren, weil die Daten nicht zur Verfügung standen. Beispielsweise analysiert unsere Künstliche Intelligenz (KI) Guardian Bilder auf Veränderungen. 5G-Drohnen sammeln automatisiert Bilddaten und die KI-Anwendung wertet sie hinsichtlich Straßenabnutzung, Dachzustand oder Pflanzenwuchs aus. Desweiteren haben wir zusammen mit Microsoft eine Software entwickelt, die die betriebliche Sicherheit unterstützt oder Pflege- und Wartungsarbeiten vorhersagt. Es gibt unendlich viele Anwendungen.
MOB: Was sind wiederum Stolpersteine bei deren Umsetzung?
Schmitz: Schon die ersten Schritte – also die Beantragung eines Funkstandorts im Außenbereich über die Bundesnetzagentur und der Aufbau der Senderstandorte – dürfen nicht unterschätzt werden. Unsere mehr als 25 Jahre Erfahrung mit Mobilfunknetzen kommt uns hier als technologischer Partner zugute. Auch die Integration der privaten 5G-Netze in die bestehende IT-Sicherheitsumgebung der Kunden ist eine Herausforderung. Dienstleister müssen die IT-Anforderungen von Firmen sehr genau kennen, um solch ein Projekt erfolgreich umzusetzen. Aber trotz der kleineren Hürden bei der Umsetzung werden private 5G-Netze sich weiter durchsetzen und immer mehr Endgeräte verfügbar sein; Apple hat z.B. ankündigt, ab Betriebssystem iOS17 private 5G-Netze in Deutschland zu unterstützen.
Bildquelle: Sandra-Seifen-Fotografie