Plattformökonomie

Vor dem Erfolg steht die partielle Kooperation

Plattformen gelten als das heiße Ding der Digitalwirtschaft. Doch in Deutschland gibt es noch viele Hürden zu übersteigen.

Das Plattform-Prinzip gehört zu den bewährten Geschäftsmodellen in der digitalen Wirtschaft. Üblicherweise handelt es sich dabei um zwei- oder sogar mehrseitige Märkte: Ein Vermittler ermöglicht eine Interaktion zwischen den Marktteilnehmern, häufig Konsumenten und Produzenten. Dabei werden digitale Technologien eingesetzt, die einen einfachen Zugang erlauben und durch suchmaschinenartige Verfahren die Parteien leicht zusammenbringen.

Plattformen sind international erfolgreich

Die bekannteste und in gewisser Weise typische digitale Plattform ist der Fahrtenvermittler Uber. Das Unternehmen verbindet eine Person, die eine Fahrt zu einem bestimmten Ziel benötigt, mit einem Fahrer, der gerade frei und in der Nähe ist und dieses Ziel ansteuern kann. Die Plattform finanziert sich dabei über einen mehr oder weniger kleinen Anteil am Umsatz des Fahrers.

Doch es gibt nicht nur die klassischen Vermittlungsplattformen wie Uber, AirBnB oder den Amazon Marketplace. Auch Unternehmen wie Google oder Apple sind Bestandteil der Plattform-Ökonomie, beispielsweise durch ihre Betriebssystem-Ökosysteme mit den angeschlossenen Appstores. Dabei bemühen sich die großen Unternehmen, einerseits ihre Plattform beständig auszubauen und andererseits zusätzliche Plattformen einzuführen.

Einige Beispiele: Amazon ist längst nicht nur Händler und Vermittler. Das Unternehmen bietet auch einen Fullfillment-Service für seine Händler an und ist als Verleger von eBooks aktiv. Apple und Google liefern sich ein Wettrennen um den ersten wirklich erfolgreichen Mobile-Payment-Service. Facebook möchte nicht nur Privatleute vernetzen, sondern auch den Unternehmen eine Plattform für interne soziale Netzwerke bieten.

Und Deutschland? Fehlanzeige: Nur 40 Prozent der Geschäftsführer von Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern wissen überhaupt, worum es bei der Plattformökonomie geht. Dieses blamable Ergebnis stand am Ende einer Bitkom-Umfrage bei gut 500 Unternehmen aus allen Branchen. Doch damit ist Deutschland nicht allein: Ganz Europa hat Nachholbedarf.

„Weniger als fünf Prozent des weltweiten Börsenwerts digitaler Plattformen entfallen heute auf europäische Unternehmen“, sagt Prof. Dr. Friedbert Pflüger, Vorsitzender der Internet Economy Foundation (IE.F). Dagegen vereinen alleine Plattformbetreiber aus der Bay Area (Silicon Valley und Umgebung) über 50 Prozent der Marktkapitalisierung auf sich und auch asiatische Anbieter wachsen rasant.

In einer gemeinsamen Studie haben Roland Berger und die IE.F den Stand der Plattformökonomie in Europa untersucht. Das Fazit: „Europa spielt in der Plattformökonomie derzeit fast nur als Absatzmarkt und Entwicklungsstandort für die US-dominierten Appstores und Softwareschmieden eine Rolle“, sagt Pflüger. „Von der Wertschöpfung und dem Effekt auf die gesamte Volkswirtschaft kommt dagegen viel zu wenig hier an.“

Deutschlands Rolle in der Plattformökonomie

Die Experten fordern eine für neue Wettbewerber offene Internetwirtschaft, die sich durch Innovationsstärke, hohe Wertschöpfung, fairen Wettbewerb, vertrauensvollen Umgang mit Daten und verantwortlich handelnde Unternehmen auszeichnet. Eine eigenständige Plattformökonomie kann ihren Analysen zufolge die Wirtschaftsdynamik in Europa nachhaltig unterstützen.

„Deutschland hat gute Voraussetzungen, um in der globalen Plattformökonomie eine wichtige Rolle zu spielen“, findet auch Accenture-Geschäftsführer Frank Riemensperger. In einem Ländervergleich in Sachen Plattformökonomie hat Deutschland immerhin einen akzeptablen fünften Platz erreicht, allerdings mit deutlichem Abstand zu den USA.

Besonders gute Chancen sieht die Studie bei den B2B-Plattformen, die etwa mit Daten aus vernetzten Produktionsanlagen, Landmaschinen oder anderen Industriegütern gefüttert werden. Sie können hierbei auf ihren traditionellen Stärken bei IT-Sicherheit, Datenschutz und technisch hervorragenden Produkten aufbauen.

Doch es gibt ein großes Hindernis: Die deutschen Unternehmen tendieren zu Abgeschlossenheit. So behaupten zahlreiche Unternehmen, neuerdings eine Plattformstrategie zu besitzen. Doch in Wirklichkeit handelt es sich lediglich um einen aufgebohrten Webshop. Denn ein einzelner Anbieter ist kein Vermittler, nur ein Verkäufer.

Um tatsächlich funktionierende Plattformen zu schaffen, müssen Unternehmen ein Teil ihrer Daten offenlegen und in bestimmten Geschäftsbereichen mit Konkurrenten kooperieren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Supply Chain: Eine Plattform in diesem Bereich funktioniert nur, wenn alle Glieder der Kette ihre Daten untereinander austauschen können.

Dabei macht es wenig Sinn, wenn beispielsweise jeder Produzent eine eigene Plattform für seine Logistikdienstleister betreibt. Besser wäre ein zentraler Service für alle. Er könnte durchaus über eine Art Joint Venture von normalerweise konkurrierenden Unternehmen geschaffen werden. Diese Art der Zusammenarbeit trägt in den USA einen sprechenden Namen: Die Unternehmen sind jetzt „Frenemies“ und durch die partielle Zusammenarbeit gemeinsam erfolgreich.

Bildquelle: Thinkstock

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