Frequenzen, Standards, Glasfaserausbau

Wann kommt 5G hierzulande ins Rollen?

Bis 5G hierzulande ins Rollen kommt, müssen zunächst die entsprechenden Frequenzen vergeben, neue Basisstationen etabliert und der Glasfaserausbau weiter vorangetrieben werden, meint Jürgen Grützner, Geschäftsführer beim VATM (Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e. V.).

Jürgen Grützner, VATM

Jürgen Grützner, Geschäftsführer beim Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e. V. (VATM)

Herr Grützner, seit mehreren Jahren laufen seitens der Telekommunikationsanbieter die Vorbereitungen zur Einführung von 5G. Wie weit ist man damit hierzulande bereits gekommen? Was steht der Einführung der nächsten Mobilfunkgeneration noch im Wege?
Jürgen Grützner:
Die Unternehmen arbeiten intensiv mit der Wissenschaft an der Entwicklung von 5G und den entsprechenden Anwendungen. Wegen der bevorstehenden Frequenzvergabe in Deutschland und der technologischen Entwicklung insgesamt wird schon heute viel über 5G gesprochen. Die internationalen Standards für diese Technologie sind noch nicht definiert. Dies wird wohl noch bis 2019 dauern, wobei die kommerzielle Einführung von 5G dann voraussichtlich 2020 stattfinden wird. Es müssen zudem noch viele Basisstationen errichtet werden, sodass es sich um einen umfangreichen und investitionsintensiven Netzausbau.

Wann wird Ihrer Einschätzung nach 5G in Deutschland flächendeckend genutzt werden können?
Grützner:
Das kann man noch nicht vorhersagen. Wir rechnen mit einem zügigen Ausbau nicht nur der Ballungszentren. Genehmigungsverfahren für zahlreiche neue Standorte, aber auch Auflagen bei der Vergabe der Frequenzen werden hier mitentscheidend sein für den Erfolg. Hier dürfen unseres Erachtens die Anforderungen nicht zu hoch sein, Investitionsmittel dürfen den Unternehmen nicht schon durch das Vergabeverfahren entzogen werden. Vorabzahlungen vor Nutzung der Frequenzen müssen unbedingt vermieden und sukzessive Investitionen ermöglicht werden.

Branchenkenner wiederholen permanent, dass 5G die Verbreitung des Internets der Dinge, das autonome Fahren oder Anwendungen wie Augmented und Virtual Reality befeuern wird. Welche Gründe sprechen dafür und welche dagegen?
Grützner:
Die Mobilfunksysteme der 5. Generation werden für Anwendungen wie Industrie 4.0, E-Health und Smart Grid oder vernetztes Fahren den Durchbruch bringen und dadurch die Wirtschaft und die Gesellschaft nachhaltig verändern. 5G ist mittelfristig eine Chance für Deutschland und Europa. Es wird auch bereits in verschiedenen Labors getestet, welche Anwendungen zum Einsatz kommen könnten. Die großen Vorteile: Mit 5G können verschiedene Anwendungen parallel gefahren werden. Die Effizienz des 5G-Netzes ist viel höher und es schafft eine neue Flexibilität.

Wie jedem Netzwerk sind auch 5G-Netzen Grenzen gesetzt. Was könnte 5G-Übertragungen ausbremsen oder gar ganz zum Stillstand bringen?
Grützner:
Deutlich kleinere Versorgungsradien mit noch weniger Strahlung sind nur dann machbar, wenn viele neue Antennenstandorte ohne lange und teure Bürokratie erschlossen werden können. Davon hängt die Zukunft unserer Arbeitsplätze aber ganz sicher die unserer Kinder ab.

Neben dem klassischen Mobilfunk existieren zahlreiche weitere Alternativen, mit denen in Zukunft kommuniziert werden kann. Dazu zählen WLAN-Hotspots, LoRaWAN (Long Range Wide Area Network) oder klassische Glasfaser- und Kabelnetze. Inwieweit wird sich der Mobilfunk dagegen behaupten können?
Grützner:
Das ist keine Frage der Entscheidung für das eine oder das andere. Nur ein Technologiemix aus mobilen und stationären Anschlussvarianten kann alle Bedarfe an zukünftige Anwendungen und Verhaltensweisen abdecken.

Die Bedeutung des Mobilfunks wird in Zukunft weiter zunehmen, da auch die Mobilität – und damit der Wunsch nach mobiler Freiheit – der Menschen stetig zunehmen. Kunden wollen ihre digitalen Anwendungen bereits heute jederzeit und an jedem Ort ohne Einschränkungen und Kompromisse nutzen.

Inwieweit braucht es bei flächendeckender Ausdehnung von 5G überhaupt noch den vielbeschworenen Glasfaserausbau?
Grützner:
Wir brauchen auf jeden Fall parallel den Glasfaserausbau bis zum Endkunden, da das FTTB/H-Festnetz das Hundertfache und mehr an Bandbreite leisten kann – und der Bedarf im Festnetz wird auf jeden Fall und völlig unabhängig vom Mobilfunk vorhanden sein.

Zudem braucht auch der Mobilfunk zukünftig fast flächendeckend Glasfaseranschlüsse für die Versorgung der Mobilfunkstationen. Als zusätzlicher Effekt des Festnetzausbaus mit Glasfaser verbessert sich also auch die Leistungsfähigkeit des Mobilfunks.

Welche Weichen müssen Mobilfunk-Provider bereits heute stellen, um langfristig erfolgreich zu sein?
Grützner:
Die neuen Herausforderungen der Digitalisierung und der Wettbewerb mit den OTTs sind hart und müssen gemeistert werden. Nicht nur Investitionen in Netze, sondern auch in attraktive Dienste, die die Kunden überzeugen, stehen an. Hier wird sich eine völlig neue Angebotswelt entwickeln, die wir heute ebenso schwer vorhersagen können wie den Siegeszug der Smartphones vor gut zehn Jahren.

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