Meilensteine werden erwartet

Warten auf ausgereifte 5G-Standards

Erst wenn ein weltweit einheitlicher Standard existiert, werden die Investitionen der Mobilfunkanbieter und Unternehmen in 5G-Technologien durch die Decke gehen, meint Dr. Helge Erik Lüders von Telefónica.

Dr. Helge Erik Lüders, Telefónica

Helge Erik Lüders ist Manager Radio Network Strategy bei Telefónica.

Herr Lüders, seit mehreren Jahren laufen seitens der Telekommunikationsanbieter die Vorbereitungen zur Einführung von 5G. Wie weit ist man damit hierzulande bereits gekommen? Was steht der Einführung der nächsten Mobilfunkgeneration noch im Wege?
Helge Erik Lüders:
Mehrere Aspekte: Der wichtigste Schritt sind die technischen Spezifikationen, diese müssen finalisiert werden. Solange kein weltweit einheitlicher und von allen Anbietern verabschiedeter Standard existiert, wird kein Anbieter in eine unausgereifte Systemtechnik investieren. Seit wenigen Wochen liegt eine erste Version des Standards vor, die aktuell von den Beteiligten geprüft wird. Weitere wichtige Meilensteine werden im Laufe dieses Jahres erwartet. Nach Abschluss der Standardisierung dauert es normalerweise weitere ein bis zwei Jahre, bis die Technikhersteller ausgereifte Systeme serienreif entwickelt haben.

Punkt zwei: Für die prognostizierten Datenübertragungsraten braucht es ein größeres und in seiner Dimension verändertes Frequenzspektrum, welches höher liegt als die heute für 2G, 3G oder 4G verwendeten Frequenzen bei 700 bis 2600 MHz. Der Regulierer muss diese Frequenzen zunächst ausschreiben oder zuteilen. Es wird also ganz entscheidend auf die Ausgestaltung der bereits angestoßenen Frequenzvergabe für 5G ankommen. Der aktuelle Zeitplan des Regulierers sieht eine Vergabe im Herbst 2018 vor. Hier ist wichtig, dass die Vergabe investitionsfreundlich gestaltet wird. Denn: Jeder Euro kann auch hier nur einmal ausgegeben werden!

Drittens braucht es Applikationen, die 5G erfordern, und eine entsprechende Marktnachfrage und Zahlungsbereitschaft, denn der notwendige Netzaufbau muss durch entsprechende Umsätze refinanziert werden. Die Wirtschaftlichkeit ist aus Sicht der Anbieter folglich eine ebenso entscheidende Größe in dem Spiel. Denn nur wenn Investitionen in die neue Technologie langfristig auch zum Unternehmenserfolg beitragen, werden diese getätigt.

Wann wird Ihrer Einschätzung nach 5G in Deutschland flächendeckend genutzt werden können?
Lüders:
Wichtig ist: Das Ende der vorigen Generation 4G und deren Entwicklung ist noch lange nicht erreicht. Die Vorteile der 4G-Technologie  haben gerade erst begonnen, sich für die Verbraucher auszuzahlen. Über LTE könnten sich Geschwindigkeiten jenseits von ein Gigabit pro Sekunde realisieren lassen, die noch für einige Zeit für alle heute denkbaren Anwendungen ausreichen werden. Der nächste Technologieschritt hin zu 5G wird seine Relevanz über die Verbreitung von anspruchsvollen Datendiensten, entsprechende Hardware und vor allem dem Nutzen für die Verbraucher in ihrer zunehmend digitalisierten Lebenswelt gewinnen.

Mittelfristig ist 5G aber insbesondere für die Industrie 4.0 eine Chance für Deutschland und Europa. Aktuell gehen viele Experten und Marktkenner von einer ersten marktreifen 5G-Einführung in Europa nicht vor 2020 aus. In welchem Zeitraum eine flächendeckende Abdeckung erfolgt, beeinflusst zum einen die Nachfrage des Marktes, zum anderen die erforderliche völlig neue 5G-Netzarchitektur, die nicht unbedingt überall die gleichen Anwendungen und Dienste anbieten muss. Es ist denkbar, dass im ersten Schritt 5G in Großstädten und dort insbesondere an Hotspots sehr hohe Kapazitäten und entsprechende Datenraten für beispielsweise Videostreaming liefert und in Industriegebieten vorrangig eine Versorgung für Anwendungen, die extrem kurze Latenzzeiten erfordern. In anderen Gebieten könnte die Versorgung zuerst verstärkt auf Internet-of-Things-Anwendungen ausgerichtet sein, die eine hohe Reichweite und zugleich eine stabile Netzverbindung bei nur geringen Datenraten erfordern.

Branchenkenner wiederholen permanent, dass 5G die Verbreitung des Internets der Dinge, das autonome Fahren oder Anwendungen wie Augmented und Virtual Reality befeuern wird. Welche Gründe sprechen dafür und welche dagegen?
Lüders:
Der neue Mobilfunkstandard wird eine Mischung vieler alter und neuer Anwendungen unterstützen – und er ist sowohl evolutionär als auch revolutionär. Die Evolution findet bei der Weiterentwicklung der Funktechnik statt. Hier stehen deutliche Verbesserungen gegenüber den Vorgängern im Vordergrund, jedoch keine „revolutionären“ Sprünge. Beispielsweise werden sich die Latenzzeiten nochmals deutlich reduzieren. Das wiederum ermöglicht völlig neue Anwendungen, die beispielsweise im taktilen Internet zum Tragen kommen. Auch von der zu erwartenden Erhöhung der Datenraten werden die Kunden beispielsweise bei Cloud- oder Streaming-Anwendungen profitieren.

Dagegen ändert sich die Architektur des Netzes grundlegend. Konzepte wie Network Function Virtualization (NFV) und Network Slicing werden eine flexible und damit hoch effiziente Nutzung der Hardware-Komponenten erlauben, die viele innovative Anwendungen überhaupt erst möglich machen. Eine kleine Revolution ergibt sich bei den potentiellen Nutzergruppen, an die sich der 5G-Standard richtet. Hier werden nicht länger nur klassische Endkunden adressiert, sondern erstmals auch verschiedenste Industriezweige, die sogenannten vertikalen Märkte (sog. Verticals). Diese wiederum können mit Hilfe eines Network Slicings eigene lokale Netze zur Verfügung gestellt bekommen, die höheren Anforderungen an Ausfallsicherheit, Latenz usw. genügen.

Wie jedem Netzwerk sind auch 5G-Netzen Grenzen gesetzt. Was könnte 5G-Übertragungen ausbremsen oder gar ganz zum Stillstand bringen?
Lüders:
Wir werden als Netzbetreiber 5G zu einem Erfolgsmodell machen. Wo konkrete Grenzen liegen werden, darüber lässt sich heute unter anderem angesichts der bisher nicht verabschiedeten einheitlichen Standards allenfalls spekulieren.

Neben dem klassischen Mobilfunk existieren zahlreiche weitere Alternativen, mit denen in Zukunft kommuniziert werden kann. Dazu zählen WLAN-Hotspots, LoRaWAN (Long Range Wide Area Network) oder klassische Glasfaser- und Kabelnetze. Inwieweit wird sich der Mobilfunk dagegen behaupten können?
Lüders:
Auch in Zukunft wird ein Großteil unseres mobilen Lebensstils vom Zugang zu bereits vorhandenen breitbandigen Funknetzen wie LTE oder WLAN abhängen. Andere, spezialisierte und proprietäre Funklösungen, vorzugsweise für die M2M-Kommunikation oder das Internet of Things (IoT), werden parallel mittel- und langfristig ihre Berechtigung haben. Als national und international operierender Mobilfunkanbieter setzen wir für solche Anwendungen jedoch mehr und mehr auf standardisierte Technologien wie NB-IoT, LTE-M und deren 5G-Nachfolger, da in diesen Bereichen bereits heute sowohl größere Skaleneffekte als auch eine raschere Verbreiterung der Endgeräte abzeichnen. Klassischen Glasfaser- und Kabelnetzen wird dabei neben der stationären Nutzung (beispielsweise für Firmennetze oder private Entertainment-Systemen) die unverzichtbare Rolle des Datentransports (Anbindung) für die Funkzugangspunkte (WLAN-Hotspots oder Mobilfunkbasisstationen) zukommen.

Inwieweit braucht es bei flächendeckender Ausdehnung von 5G überhaupt noch den vielbeschworenen Glasfaserausbau?
Lüders:
Der Glasfaserausbau ist, wie bereits erwähnt, ein wichtiger „Sockel“, also ein wesentlicher Erfolgsfaktor, um die Leistungsstärke von 5G vollends ausschöpfen zu können.

Welche Weichen müssen Mobilfunk-Provider bereits heute stellen, um langfristig erfolgreich zu sein?
Lüders:
Als Netzbetreiber bereiten wir den Ausbau einer modernen 5G-Infrastruktur bereits heute vor. Für die Mobilfunkanbieter kommt es dabei auf den passenden regulatorischen Rahmen und die richtige Frequenzausstattung an. Bei der anstehenden Vergabe der Frequenzen ist entscheidend, dass den Anbietern nicht durch eine überteuerte Auktion Gelder entzogen werden, die dann für die Investitionen ins Netz fehlen.

Hinzu kommt: Damit die Netzbetreiber die unterschiedlichen Anforderungen in den jeweils benötigten Qualitätsstufen (SLA) erfüllen können, brauchen sie  Zugriff auf bundesweit verfügbares Spektrum. Der aktuelle Plan der BNetzA, 100 MHz im 3,7 GHz-Bereich für die regionale Nutzung zu reservieren, bewirkt eine ineffiziente regionale Zersplitterung des Spektrums und ist daher nicht zielführend. Bislang ist nicht sichergestellt, dass bei der Vergabe von regionalem Spektrum oder seiner Nutzung Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden. Die regionale Vergabe eines Viertels der 400 MHz verfügbaren Spektrums könnte zu einer künstlichen Verknappung von bundesweiten Frequenzen führen. Dies wiederum würde die Lizenznutzung verteuern und die Investitionen in die Netze einschränken. Die ernüchternde Lehre aus den letzten 17 Jahren Frequenzvergabe ist: Dort, wo die Kosten für die Frequenzlizenz-Nutzung gering ausfielen, sind Netzabdeckung und -qualität heute am besten. Länder wie Deutschland, in denen die Frequenzlizenznutzung am teuersten war, rangieren heute nur im hinteren Drittel.

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok