Echtzeitzahlungen

Warum Deutschland bei Instant Payment hinterherhinkt

Im Gespräch mit Robin Crewe, CTO, Lending & Transaction Banking bei Finastra, sowie Dagan Osovlansky, Produktmanager beim gleichen Unternehmen, über Instant Payment

  • Robin Crewe, CTO, Lending & Transaction Banking bei Finastra

    Robin Crewe, CTO, Lending & Transaction Banking bei Finastra

  • Dagan Osovlansky, Produktmanager bei Finastra

    Dagan Osovlansky, Produktmanager bei Finastra

Herr Crewe, inwieweit wird Instant Payment bereits angeboten und genutzt?
Robin Crewe:
Systeme mit Echtzeitprozessen gibt es schon seit dem Ende der 1980er Jahre, aber Echtzeitzahlungssysteme werden global erst seit den letzten zehn Jahren verstärkt eingesetzt. Derzeit sind weltweit mehr als 30 solcher Systeme im Einsatz, und in Europa kommen immer mehr hinzu, aber auch in Hong Kong und Malaysia. Und vor kurzem sind auch Echtzeitzahlungssysteme in den USA (TCH RTP – November 2017), in Europa (EPC SCT – November 2017) und in Australien (NPP – Februar 2018) neu dazugekommen. Darüber hinaus befinden sich viele länderspezifische Systeme in Europa und Asien in der Entwicklungsphase.

Warum hinkt Deutschland hier im weltweiten Vergleich hinterher?
Crewe:
Dafür gibt es zwei zentrale Gründe. Zum einen wird Bargeld immer noch für rund 80 Prozent der Bezahlvorgänge am Point of Sale (POS) verwendet. Dieser Anteil ist doppelt so hoch wie in einigen anderen europäischen Ländern. Daher ist der generelle Bedarf nach Echtzeitzahlungen geringer. Zum anderen müssen Banken ihre Zahlungsinfrastruktur modernisieren, um die Anforderungen an die Verarbeitung von Instant Payment zu erfüllen, etwa lückenlose Erreichbarkeit und unmittelbare Verarbeitung sowie Betrugsaufdeckung und -verhinderung in Echtzeit. Viele Banken warten hier noch ab und beobachten die Entwicklungen, bevor sie die nötigen Investitionen tätigen.

Wie kann das 2018 geändert werden?
Crewe:
Entwicklungen und neue Vorgaben im Markt, insbesondere Open Banking und die PSD2-Richtlinie, zeigen neue Möglichkeiten auf, die die Verbraucher mehr und mehr verlangen und schließlich wie selbstverständlich annehmen werden. Innerhalb kürzester Zeit könnte sich diese Schieflage daher von selbst geraderichten. Denn von Banken wird zunehmend erwartet, dass sie diese Services wie selbstverständlich in ihren Standardleistungen anbieten. Eine alternative Herangehensweise wären Regulationen, z.B. eine, bei der Echtzeitzahlungen obligatorisch würden. Dies würde allerdings auch weitere Herausforderungen und Kosten mit sich bringen.

Welche konkreten Möglichkeiten bietet Instant Payment für die Finanzdienstleister, Unternehmen und Verbraucher?
Crewe:
Auf der einen Seite erlauben es Instant Payments Verbrauchern, ihre Zahlungen überall, zu jeder Zeit und – am allerwichtigsten – unmittelbar zu tätigen, auch außerhalb der üblichen Geschäftszeiten. Auf der anderen Seite garantieren sie Unternehmen Zahlungssicherheit bei der Transaktion ihrer Waren und Services. Finanzdienstleister wiederum können ihren Unternehmenskunden oder Privatkunden den Komfort und die Flexibilität anbieten, die diese erwarten. Außerdem können Anbieter von Zahlungsdienstleistungen neue, innovative und damit umsatzsteigernde Produkte offerieren, indem sie zusätzlich zu der Instant-Payment-Infrastruktur ergänzende Services offerieren.

Welche Schwierigkeiten stehen diesen Pluspunkten gegenüber?
Crewe:
Die bestehende IT für Payments und Kernbanksysteme von vielen Finanzinstituten unterstützt derzeit nicht die Verfügbarkeit von sieben Tagen in der Woche, sprich 365 Tagen im Jahr. Außerdem erfüllt sie nicht die Anforderungen an die schnelle Verarbeitung binnen Sekunden. Darüber hinaus gibt es auch ein mögliches Risiko bei der Begleichung einer Zahlung. Wenn eine Zahlung versehentlich getätigt wurde, kann der Betrag beim Versuch ihn zurückzufordern schon nicht mehr verfügbar sein. Ein Gläubiger kann den Betrag vom Konto einziehen oder die Abrechnung abschließen. Um diese Gefahren zu verhindern, auch in dem Fall, dass Kernbanksysteme offline sind, sollte dies bereits während der Zahlungsauslösung kontrolliert werden und es sollten zusätzliche Schutzmechanismen dafür implementiert werden. Mit der Einführung neuer internationaler und grenzübergreifender Mechanismen für Echtzeitzahlungen werden auch Hacker verstärkt versuchen, in das System einzudringen. Daher brauchen Banken zuverlässige Abwehr- und Compliance-Mechanismen, die rund um die Uhr Zahlungen überprüfen und die Verarbeitung und Ausführung von betrügerischen Zahlungen verhindern. Eine weitere Herausforderung für Banken wird es sein, auch über Nacht ihre Liquidität über die Zentralbanken zu sichern.

Inwieweit gibt es bereits einheitliche Standards, um das Instant Payment für alle Beteiligten zu erleichtern?
Crewe:
Die meisten Systeme verwenden den Standard ISO 20022, auch wenn verschiedene Versionen in unterschiedlichen Regionen genutzt werden. In Europa hat der Europäische Zahlungsverkehrsausschuss (European Payments Council, EPC) ein Regelwerk und Richtlinien für die Implementation festgelegt. Alle Mechanismen für Abrechnung und Zahlungsausgleich (Clearing and Settlement Mechanism, CSM), egal ob auf europäischer oder Landesebene, müssen wenigstens diesen Standard sowie das jeweilige Service-Level-Agreement erfüllen. Darüber hinaus können einzelne Länder, Verbände oder Individualbanken zusätzliche, ergänzende Services anbieten oder spezifische Vorgaben verfolgen, um diesen Standard zu erweitern oder zu limitieren. Dies wäre möglich, indem sie beispielsweise Pull-Zahlungsverfahren zunächst in Form von Zahlungsaufforderungen als ergänzenden Service anbieten oder mit eingeschränkteren Service-Level-Agreements arbeiten.

Wie kann ein Instant-Payment-Auftrag grundsätzlich erteilt werden? Welche Rolle spielen hierbei mobile Endgeräte?
Dagan Osovlansky:
Ein Instant-Payment-Auftrag kann einerseits über das Online-Banking-Portal oder die Mobile-Banking-App einer Finanzinstitution ausgelöst werden und andererseits von Kunden im Handel durch Mobile-Payment-Apps über Zahlungsdienstleister. Darüber hinaus können Unternehmen Instant Payments über gebündelte Datensätze initiieren. Wenn erst einmal standardisierte und sichere Mechanismen zur Übermittlung von Kundentransaktionsdaten an dritte Parteien etabliert sind, werden sich mobile Endgeräte und Mobile-Banking-Apps zu zentralen Lösungen für die Verwaltung von allen finanziellen Belangen entwickeln. Sie werden nicht nur Zahlungen und Auftragserteilungen ermöglichen, sondern auch Mittel der Wahl werden, um Versorgungsleistungen zu managen, Autorisierungen zu erteilen oder entgegenzunehmen sowie auch um Benachrichtigungen und Empfehlungen zu erhalten.

Wie ist es um Sicherheit und Datenschutz beim Instant Payment via Smartphone oder Tablet bestellt?
Osovlansky:
Die neue PSD2-Richtlinie deckt viele Sicherheits- und Datenschutzbelange ab. Wird beispielsweise ein Zahlungsauftrag mobil ausgelöst, etwa per Smartphone oder Tablet, werden verschiedene Attribute in der Anfrage protokolliert, z.B. die IP-Adresse oder Geolokalisierung und das Betriebssystem. Software von Drittanbietern kann dann auf der Basis der Gerätidentifizierung und mithilfe von ergänzenden Attributen dafür eingesetzt werden, das jeweilige Endgerät in Echtzeit wiederzuerkennen, auf seine Integrität hin zu überprüfen und eine Risikoabschätzung durchzuführen. Wenn auf dieser Grundlage ein Endgerät als kompromittiert eingestuft wird, können die Dienste abgelehnt werden.

Wie schnell ist Instant Payment tatsächlich?
Osovlansky:
Das Service-Level-Agreement unterscheidet sich von Region zu Region. Der Europäische Zahlungsverkehrsausschuss (European Payments Council, EPC) gibt eine komplette Durchführung innerhalb von 15 Sekunden vor, angefangen bei der Verfügbarkeitsmitteilung des Betrags beim Begünstigten bis zur Zahlungsbestätigung beim Belasteten. Einige regionale Systeme können dies sogar schon innerhalb von fünf Sekunden leisten.

Inwieweit könnten Schnellüberweisungen Ihrer Meinung nach die Zahlungswelt revolutionieren?
Osovlansky:
Schnelle Zahlungen können die Branche entscheidend verändern und eine große Bedrohung für Kartenzahlungen werden. Die Kombination aus schnellen, bestätigten Ausführungen sowie geringeren Transaktionsgebühren ist sehr reizvoll. Ebenso gibt es die Möglichkeit, übergeordnete Services anzubieten, wie etwa Zahlungsaufforderungen, Informationsanfragen und erweiterte Überweisungsinformationen. Aus Verbrauchersicht überzeugen Echtzeitzahlungen durch ihre einfache Ausführung. Zudem können sie auch auf der Basis von Alias- oder Proxy-Adressen wie einer E-Mail-Adresse oder Telefonnummer durchgeführt werden, um die Eingabe von langen und fehleranfälligen Kartendaten zu vermeiden. Aufgrund der geringeren Gebühren könnten Händler auch anfangen, für Echtzeitzahlungen aktiv zu werben und dadurch Kartenzahlungen zurückdrängen, insbesondere für Online-Transaktionen. Überdies deuten schnellere Zahlungen unmittelbar auf zwei wichtige Trends hin: Einerseits treiben Unternehmen aller Branchen komplette Zahlungslösungen und vollständig digitale Prozesse voran, andererseits erwartet die Millennial-Generation heute sofortige, nahtlose, kontaktlose und reibungslose Services.

Welchen Einfluss wird das Instant-Payment-Angebot der Kreditinstitute auf Dienstleister/Anbieter wie Paypal ausüben?
Osovlansky:
Um Instant Payment zu unterstützen, sollten Anbieter von Gütern und Dienstleistungen eine Zahlungsmöglichkeit direkt „von meinem Account“ zur Verfügung stellen. Mit dem Inkrafttreten der PSD2-Richtlinie können Händler Kundendaten von deren Bank abfragen und Zahlungsservices anbieten. Das erlaubt es ihnen, schnellere, sicherere und nahtlosere Online-Nutzererlebnisse und Zahlungsvorgänge zu schaffen. Damit vermeiden sie, dass Kunden zu einem anderen Online-Service weitergeleitet werden, um den Zahlungsauftrag zu erteilen.

Welche weiteren Trends zeichnen sich anno 2018 im Bereich „Mobile Payment“ ab?
Osovlansky:
Das Inkrafttreten der PSD2-Richtlinie und Open Banking werden in Kombination mit Echtzeitzahlungen den Schritt zu Mobile Payment vorantreiben. Die Bereitstellung von offenen Schnittstellen (APIs) wird es Drittanbietern ermöglichen, ergänzende Services anzubieten, die alle finanziellen Aspekte von Verbrauchern abdecken werden. Dies schließt u.a. bankübergreifende Einblicke in den Finanzstatus, die Verwaltung neuer Vermögenswerte, die bisher nicht als Kapital angesehen wurden, sowie Bonussysteme mit der Möglichkeit zur Einlösung ein. Weitere Trends und Innovationen, die die mobile Nutzung vorantreiben werden: In Form von speziellen Services werden Analytics und maschinelles Lernen durch die PSD2-Richtlinie zu einem vertrauenswürdigen Ratgeber, die Verbrauchern dabei helfen, ihre Vermögenswerte und Transaktionen zu optimieren. Und: Geolokalisierungen und Point-of-Sale-Services werden immer bedeutender. In Kombination mit neuen mobilen Zahlungsdienstleistungen wie Whatsapp, Apple Pay oder Alipay werden sie das Volumen der mobilen Zahlungen erhöhen. Insgesamt erwarten wir einen großen Umschwung von herkömmlichen Bezahlkanälen hin zu mobilen Zahlungsmöglichkeiten. Dies wird zunächst die Zahlungen zwischen Personen sowie zwischen Personen und Unternehmen beeinflussen, sich dann aber auch auf den B2B-Bereich auswirken, sobald weitere ergänzende Services auf den Markt kommen.

Bildquelle: Finastra

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok