Mit einer auffälligen Kamera auf dem Dach fährt ein Auto von Google Street-View durch das Gerichtsviertel in Frankfurt.
Während weltweit für die Kartenanwendung Google Maps die Bilder von Häusern, Straßen und Fassaden stets aktualisiert wurden, hat sich in Deutschland seit 2010 nichts mehr getan. Doch nun sind die Kamera-Autos von Google auch hierzulande wieder unterwegs. Der Konzern kündigte an, dass die Fahrzeuge bis in den Oktober durch Stadt und Land fahren, um neue Fotos aufzunehmen. Um bestimmte Sehenswürdigkeiten gut zu erfassen, sind auch Beschäftigte mit einem Kamerarucksack zu Fuß unterwegs. Die frischen Fotos wie auch Bilder aus dem vergangenen Jahr sollen dann von Mitte Juli an schrittweise veröffentlicht werden.
Die Google-Autos filmen keine Videos, sondern erstellen alle paar Meter hoch auflösende 3D-Panoramabilder. Diese werden später mit einer Software digital miteinander verknüpft, so dass sich die Anwender virtuell in dem Straßenbild auf dem Smartphone oder PC bewegen können. Die insgesamt neun Kameras befinden sich in 2,9 Metern Höhe und erfassen auch Straßenschilder und Schriftzüge von Geschäften. Autokennzeichen und die Gesichter von Passanten werden automatisch verpixelt.
Im Prinzip ja. Google hat Kamerafahrten für sämtliche größeren Städte sowie fast alle Landkreise in Deutschland angekündigt. Zunächst sollen aber die 20 größten Städte schrittweise aktualisiert werden, bei denen der Dienst bisher verfügbar war (Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg, Stuttgart und Wuppertal).
Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern in der westlichen Welt traf Google 2010 bei der Einführung von Street View in Deutschland auf zum Teil starken Widerstand in der Politik, bei Hauseigentümern und bei Datenschützern. Fast eine Viertelmillion Menschen legten Widerspruch gegen die Aufnahmen ein und zwangen Google, die Abbildung ihrer Häuser zu verpixeln, was die Qualität des Dienstes insgesamt beeinträchtigte. 2011 kündigte der Konzern daraufhin an, keine weiteren Kamerafahrten zu unternehmen. Erst zwölf Jahre später reifte der Entschluss, einen neuen Anlauf zu unternehmen.
2010 hatten nur wenige Menschen in Deutschland ein Smartphone und konnten sich kaum vorstellen, wie praktisch es sein kann, sich im Vorfeld einer Reise oder unterwegs ein Straßenpanorama anzuschauen, um beispielsweise zu überprüfen, wie die Umgebung einer Ferienwohnung aussieht. Google gelang es damals nicht, die vielen Datenschutzvorbehalte oder Sicherheitsbedenken in der Bevölkerung auszuräumen, auch weil die damalige Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) Stimmung gegen den Dienst machte. Die Vorbehalte gegen Street View gingen sogar so weit, dass viele Menschen in Deutschland einen satirischen TV-Beitrag für bare Münze nahmen, in dem vermeintlich angekündigt wurde, dass Google mit seinen Kameras auch in Privatwohnungen fotografieren wird.
Google muss wie im Jahr 2010 jede Wohnung und jedes Haus vor der Veröffentlichung der neuen Bilder unkenntlich machen, wenn Mieter oder Eigentümer dies wollen. Allerdings gelten die alten Anträge von damals nicht mehr, sie müssen neu gestellt werden. Der Widerspruch kann per E-Mail, per Formular oder per Post erfolgen. Bürger müssten alle Möglichkeiten haben, ihr Recht auf Privatheit zur Geltung bringen zu können, sagt der zuständige Hamburgische Datenschutzbeauftragte Thomas Fuchs. Wurde die Verpixelung vor der Veröffentlichung des Bildes beantragt, so wird das Haus im Dienst Street View von Beginn an nur verpixelt dargestellt. Geht der Widerspruch erst nach Veröffentlichung bei Google ein, erfolgt die Verpixelung nachträglich. Fuchs hat sich noch nicht entschieden, wie er sich verhalten wird. „Ich persönlich werde mir zunächst die neuen Aufnahmen auf Google Street View nach der Veröffentlichung ansehen und dann entscheiden, was ich tue.“
Die Aktivitäten von Apple dürften ein wichtiger Grund sein, warum Google seinen Dienst Street View in Deutschland nicht verrotten lassen will und stattdessen frische Aufnahmen besorgt. Der iPhone-Konzern hat 2019 auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC den virtuell begehbaren Straßenplan Lock Around angekündigt und inzwischen auch in Deutschland fast flächendeckend eingeführt. Ähnlich wie Google bietet Apple den Hauseigentümern und Mietern an, unerwünschte Aufnahmen von ihren Häuserfassaden auf Antrag hin zu verpixeln. Doch bislang haben weniger als 100 Menschen davon Gebrauch gemacht. Lock Around kann zwar nur auf Apple-Geräten (iPhone, iPad, Mac) genutzt werden, lässt aber insbesondere auf dem Smartphone den Kartendienst von Google im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen.
Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten.