Ein Grund für die Datenschutzproblematik ist die veraltete technische Infrastruktur.
Die elektronische Patientenakte kann noch verbessert werden – u.a. was die Sicherheit der gespeicherten Daten anbelangt.
Ein wichtiger Schritt in Richtung „digitales Gesundheitswesen“ – oder doch ein Fehlschlag? Der Nutzen der elektronischen Patientenakte in ihrer aktuellen Form wird sich noch zeigen müssen. Zwar misst ihr Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach eine hohe Bedeutung bei, wie das Handelsblatt kürzlich berichtete. Einige Punkte müssen trotzdem dringend optimiert werden, um Datensicherheit und Usability zu optimieren. So beharrt auch Deutschlands oberster Datenschützer, Ulrich Kelber, Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI), auf gewissen Nachbesserungen.
Notwendig sind laut Kelber zusätzliche Funktionen für den Datenschutz, um eine Konformität mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu erreichen. Diese Verbesserungen müssen von den gesetzlichen Krankenkassen umgesetzt werden. Das ist nicht die einzige Schwäche: Ein Grund für die Datenschutzproblematik ist die veraltete technische Infrastruktur. Besonders kritisch ist der zentrale Aufbau: Bei der Akte läuft eine hohe Anzahl von Anwendungen auf einer zentralen Infrastruktur – was sie im Falle eines Angriffs oder Ausfalls zum „Single Point of Failure“ macht.
Mit heutigen technologischen Möglichkeiten gibt es da schon wesentlich bessere Optionen: So könnte eine dezentral verteilte Infrastruktur nicht nur das Sicherheitslevel deutlich verbessern, sondern auch die Datenhoheit der Patient gewährleisten. Viele Probleme liegen dabei vor allem am langen Planungszeitraum, gerade in puncto Datensicherheit. Das ist fatal, denn mittels der Patientenakte werden enorme Mengen sensibelster Informationen gespeichert, die vor Angriffen wirksam geschützt werden müssen.
Anfang des vergangenen Jahres war es dann soweit: Die Akte ging in die Testphase, ca. 200 Arztpraxen und Krankenhäuser machten mit und erprobten sie. Nach dem Rollout im zweiten Quartal ging es an den flächendeckenden Einsatz – auch wenn die Bedenken von Datenschützern noch nicht ausgeräumt waren.
Die Patientenakte ist somit eher ein einfacher Datenspeicher, für Dokumente wie Arztbriefe, Befunde, Medikationspläne, Mutterpässe und Untersuchungshefte. Hier wäre technisch noch wesentlich mehr möglich – vor allem durch den Einsatz dezentraler Technologien. Nicht zuletzt durch den Druck der Datenschützer könnte es zeitnah zu Verbesserungen kommen. So wurden bereits eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Informationen sowie ein verbessertes Freigabekonzept eingeführt, wodurch Daten einzeln mit anderen geteilt oder gelöscht werden können.
Verbesserungen sind mit heutigen technischen Mitteln leichter möglich: Wesentlich besser als die bestehende Umsetzung wäre eine von einer Community aufgebaute Lösung. So könnten gemeinschaftlich digitale medizinischen Dienstleistungen entwickelt werden, wie beispielsweise rezeptpflichtige Apps.
Auch beim Speichern der Daten braucht es bessere Lösungen: Dezentrales Speichern von Informationen und der Einsatz der Blockchain als hochsicheres Datenregister könnten nicht nur die Sicherheitslevel erhöhen, sondern auch zu mehr Datenhoheit der Anwender führen. So würden die Menschen von mehr Selbstbestimmung profitieren, ob beim Zugriff auf personenbezogene, sensible Informationen, dem Ändern oder auch dem Löschen von Daten. Gerade bei der Vielzahl von Nutzergruppen, die mit der Patientenakte arbeiten und unterschiedliche Zugriffszenarien benötigen, bieten dezentrale Speichersysteme – etwa das „interplanetare Filesystem (IPFS)“ – große Chancen. Beim IPFS werden Informationen im Peer-to-Peer-Verfahren über eine hohe Anzahl an Nodes verteilt und repliziert. An einem Konzept für eine dezentrale Variante der Akte arbeiten bereits einige Akteure, darunter die Technologieagentur Turbine Kreuzberg, deren Proof of Concept zeigt, dass solche Ansätze wesentlich sicherer, nutzerfreundlicher und damit zeitgemäßer wären.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Mit einem solchen Ansatz können die hochsensiblen Daten niemals verloren gehen. Ein weiterer Vorteil: Je mehr Teilnehmer sich am Netzwerk beteiligen, um so sicherer ist die Lösung. Solche Technologien bieten die Basis für eine digitale Patientenakte, wie sie 2022 gebraucht wird – und wie sie die Patienten hoffentlich bald erhalten werden.
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