Einsatzgebiete für die Actioncam

Was leisten Helmkameras?

Für Aufnahmen im Extremsportbereich entwickelt, werden Action-Kameras genutzt, um ausgefallene Erlebnisse festzuhalten und zu teilen. Was müssen die robusten Geräte leisten?

Julien Dupont

Julien Dupont wagte sich mit seinem Bike auf die Holzachterbahn im mexikanischen Freizeitpark La Feria de Chapultepec.

Wie so oft hat es mal wieder einer vorgemacht – und viele Unternehmen sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen, so dass sich mittlerweile variationsreiche Actioncam-Angebote am Markt finden. Und die Geräte sind beliebt bei den Anwendern, schließlich sind sie klein, leicht, robust und in der Regel recht einfach zu handhaben. Hauptsächlich dienen sie zur Aufnahme von Videos und können hierfür – dank entsprechender Halterungen und vielerlei Zubehör – an mehr oder weniger „ungewöhnlichen Orten“ befestigt werden, etwa am Fahrradhelm, Gitarrenhals oder auf dem Hunderücken. Die Kameras „begleiten uns bei unseren Abenteuern, halten sie fest und ermöglichen es, sie mit den Menschen zu teilen, die uns wichtig sind“, beschreibt Luca Tammaccaro, Vice President Tomtom DACH, Italy & SEE, den Nutzen der Geräte.

Ursprünglich wurden Actioncams für den Einsatz im Sportbereich und, wie der Name schon sagt, für jedwedes Action-Szenario konzipiert – sei es beim Mountainbiking, Skifahren, Skaten, Surfen, Fallschirmspringen, Klettern in den Bergen oder gar unter Wasser (je nach Modell). Dank ihrer Robustheit machen ihnen Staub, Hitze und (Spritz-)Wasser bis zu einem gewissen Grad nichts aus – selbst Stöße oder Stürze können die Geräte vertragen. Da verwundert es nicht, dass nun auch „Nicht-Sportler“ die robusten Minikameras als vielseitige Lösung für sich entdeckt haben. „Heutzutage wird eine Actioncam im kompletten Bereich des täglichen Lebens genutzt, sei es beim Familienausflug, auf Events oder Konzerten“, weiß Oliver Badicke, Produktmanager bei Goxtreme. Die Kamera spiele hier ihre Vorteile wie Robustheit und gute Videoleistungen gegenüber einem Smartphone aus. Im Vergleich zu herkömmlichen Videokameras sei sie hinsichtlich ihres kompakten Formats im Vorteil.

Regelrechte Mogelpackungen

Im Geschäftsumfeld werden Actioncams ebenso eingesetzt und nehmen vor allem in professionellen TV- und Kinofilmproduktionen einen immer größeren Stellenwert ein. Hier werden sie oftmals bei Drohnenflügen genutzt, um Luftaufnahmen von bestimmten Szenerien zu machen, oder an Fahrzeugen montiert, damit der Zuschauer beispielsweise „hautnah“ bei wilden Verfolgungsjagden dabei sein kann. „Wir sehen den Einsatz von Actioncams im Business-Umfeld meist dort, wo sie als Ergänzung zu klassischen Videokameras für unkomplizierte und schnell umsetzbare Aufnahmen aus ungewöhnlicher Perspektive genutzt werden“, ergänzt Thomas Güttler, Geschäftsführer von Rollei. Sowohl Produktpräsentationen als auch Image-Filme könne man so schon mit einfachen Mitteln bereichern.

Gerade für große Fernsehproduktionen ist es dabei wichtig, dass die Qualität des Videomaterials stimmt, sprich eine hohe Auflösung gegeben ist. „Höhere Auflösungen bieten mehr Freiheit bei der Nachbearbeitung“, nennt Filip Good, Senior Director of Marketing, EMEA bei Gopro einen der Vorteile. An dieser Stelle ist „4K“ ein gutes Stichwort. Hierbei handelt es sich im allgemeinen Sprachgebrauch um eine Auflösung von 3.840 × 2.160 Bildpunkten. 4K hat damit eine viermal so große Pixelzahl wie die Auflösung Full-HD. Derzeit sind beispielsweise Endgeräte auf dem Vormarsch, die 4K-Videos abspielen können. „Und auch der Wunsch, diese Geräte mit hochauflösendem Content zu füttern, wird immer größer“, weiß Oliver Badicke. Viele Hersteller würden ihre Actioncams bereits mit „4K-Auflösung“ anbieten, „aber hier ist Vorsicht geboten!“, warnt der Produktmanager. „Häufig verstecken sich hinter besonders günstigen Angeboten regelrechte Mogelpackungen. Die Kameras haben zwar 4K auf dem Etikett – in Wirklichkeit nehmen sie aber nur in 2K auf und interpolieren die Auflösung künstlich auf 4K.“ Dadurch soll es zu hohen Qualitätsverlusten im Verhältnis zur echten 4K-Auflösung kommen. Oder es werde zwar in 4K aufgenommen, aber mit einer Bildwiederholungsfrequenz von nur 15 Bildern pro Sekunde. Dies komme sogar bei eigentlich renommierten Herstellern vor.

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Der Anwender sollte also vor dem Kauf einer Actioncam sowohl den Anbieter als auch dessen Produkte genau unter die Lupe nehmen. Und: Laut Ulf Schreurs, Marketing Head Digital Imaging bei Sony, sollte er sich grundsätzlich folgende Fragen stellen: Welche Auflösung benötige ich tatsächlich? Wie möchte ich die Kamera einsetzen? Gibt es umfangreiches Zubehör für das entsprechende Gerät, um eine vielseitige Einsatzmöglichkeit zu gewährleisten? Auf diese Weise ergebe sich schnell eine Auswahl von Geräten, die infrage kommen. Ähnlich sieht es Thomas Güttler: „Nutzer sollten sich vorher überlegen, wozu sie ihre Kamera verwenden möchten und welche Ausstattung ihnen hierzu wichtig ist.“ Viele Kameras haben beispielsweise technische Funktionen, die für die meisten Nutzer gar nicht interessant sind. Daher ist es für Käufer eine Überlegung wert, ob sie diese Funktionen überhaupt benötigen oder stattdessen auf eine Kamera zurückgreifen, die mit dem richtigen Preis-/Leistungsverhältnis überzeugt. Außerdem sollten sie vorher prüfen, ob es für ihren geplanten Einsatz das passende, hochwertige Zubehör für die gewählte Kamera gibt – und vor allem, ob das Zubehör bereits im Lieferumfang enthalten ist oder separat gekauft werden muss. Denn sonst könnte es nochmals richtig teuer werden.

Von Einbeinstativ bis Hundegeschirr

Unter Zubehör fallen beispielsweise Stative, Halterungen, Klebepads, Teleskopstangen, Brust- bzw. generell Befestigungsgurte, Stabilisatoren, Objektivfilter und Unterwasserschutzgehäuse. Praktisch ist sicherlich auch eine Fernbedienung, um Aufnahmen remote starten zu können. „Es gibt aber auch ausgefallene Accessoires wie ein Kopfmontage-Kit, Hundegeschirr sowie faltbares Einbeinstativ“, ergänzt Ulf Schreurs. „Preislich bewegen wir uns hier zwischen 15 und 150 Euro.“ Vor allem sollten Nutzer aber auf die Qualität der Halterungen achten, empfiehlt Thomas Güttler, „da wackelige Befestigungen nicht nur die Aufnahmen unbrauchbar machen – es könnte im schlimmsten Fall auch der Verlust der Kamera drohen.“

Bis zur Spaltung des Helms

Wobei es auf jeden Fall noch schlimmer wäre, wenn durch den Gebrauch einer Actioncam Personen zu Schaden kommen würden. Da die kleinen Kameras vor allem in aktionsreichen Situationen eingesetzt werden, ist die Verletzungsgefahr ohnehin schon einmal höher. Manche neigen eben auch zum Leichtsinn, gehen bis an ihre Grenzen und bisweilen auch darüber hinaus. Das endet nicht immer positiv. „Vor allem auf Helmen angebrachte Kameras können bei einem Sturz den Effekt des Aufschlags verstärken und im schlimmsten Fall durch punktuelle Krafteinwirkung eine Spaltung des Helms herbeirufen“, warnt Güttler. Bei den meisten handelsüblichen Halterungssystemen sei ein Ablösen der Kamera bei der Überschreitung einer gewissen Krafteinwirkung nicht vorgesehen.

Bei ordnungsgemäßer Handhabung wird die Sicherheit des Nutzers aber nicht gefährdet sein, ist sich Oliver Badicke sicher und betont: „Selbstverständlich darf der gesunde Menschenverstand durch zu hohe Risikobereitschaft des Nutzers auf keinen Fall ausgeschaltet werden. Nicht die Hardware gefährdet den Menschen, sondern das Risiko, das er bereit ist einzugehen.“ Und dennoch sollten Nutzer zugleich etwa auf Halterungen mit definierten Sollbruchstellen zurückgreifen, damit sich die Kamera bei einem Unfall in Verbindung mit einer überdurchschnittlichen äußeren Krafteinwirkung vom Helm löst. So kann das Verletzungsrisiko erheblich reduziert werden. Das Schöne sei generell, „dass sich Nutzer unterwegs nicht auf die Actioncams konzentrieren müssen“, so Ulf Schreurs. „Durch einen Monitor am Armband wissen sie beispielsweise immer, was sie filmen, und können alle wesentlichen Kamerafunktionen aufrufen.“ So gilt die volle Aufmerksamkeit jedenfalls dem Wanderweg, der Skipiste oder der Aussicht beim Fallschirmsprung.

Kein Studium der Informatik

Seitens der Hersteller werden Actioncams vor Markteinführung zahlreichen Tests unterzogen – etwa hinsichtlich der technischen Leistungsfähigkeit, Robustheit und Lebensdauer. Die Kameras müssen während der Testphase einiges „aushalten“ wie z.B. Stürze aus verschiedenen Höhen mit und ohne Gehäuse. Hinzu kommen Wasserdichtheitsprüfungen und Tests hinsichtlich der Akkuausdauer. Außerdem werden die Bedienungsanleitungen sowie die OSDs (On Screen Displays) der Kameras ausgiebig geprüft, um den Anwendern eine optimale Nutzererfahrung bieten zu können. „Nur wenn ihr Konzept einfach zu verstehen ist, sie unkompliziert zu bedienen sind und ich nicht erst ein Studium der Informatik oder eine Ausbildung als Cutter brauche, werde ich Action-Kameras oft und gerne benutzen“, so Luca Tammaccaro.

Verbesserungsbedarf gibt es allgemein noch bei der Tonqualität der Actioncams. „Unter diesem Manko leidet auch der Marktführer der Branche“, bemerkt Oliver Badicke. Ansonsten gilt es zukünftig auf der Hardware-Seite eine „einfache Bedienung, handliche Gehäuse, maximale Bildqualität und neue Features zu kombinieren“, wirft Filip Good ein. Ein weiterer wichtiger Schritt beginne allerdings erst nach der Aufnahme – nämlich während der Bild- und Videobearbeitung. „Komfortable Software-Lösungen sind entscheidend, um dem Nutzer so viel Arbeit wie möglich abzunehmen und so die Video- bzw. Fotoinhalte einfach bearbeiten und teilen zu können“, weiß Good.

Der Markt für Actioncams wird in Zukunft noch weiter wachsen, da sind sich die Anbieter einig, denn die Kameras sind inzwischen nicht mehr nur bei Extremsportlern beliebt. Durch die Vielzahl an Möglichkeiten, die die kleinen Geräte bieten, „begeistern sich immer mehr Menschen für sie als Allrounder zum täglichen Gebrauch, z.B. beim Sparziergang, wenn sie auf einen Selfie-Stick montiert sind“, so Badicke. Darüber hinaus werde Virtual Reality (VR) im Actioncam-Bereich eine große Rolle spielen und bald einem breiten Publikum zugänglich sein. 

Bildquelle: Red Bull

 

 

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