Start-up-Förderung

Wenig Risikokapital für gute Ideen

Nur unter großer Anstrengung gelangen Start-ups an finanzielle Unterstützung – es fehlt an risikobereiten Geldgebern und scheitert an bürokratischen Hürden.

  • Josef Willkommer, Gründer und Geschäftsführer von Techdivision: „Während man in den USA als Gründer erst dann wirklich ernstgenommen wird, wenn man sich schon mal eine ‚blutige Nase‘ geholt hat bzw. erst einmal gescheitert ist, bekommt man in einem solchen Fall bei uns sehr schnell den Stempel eines Verlierers aufgedrückt.“

  • Ali Jelveh, Gründer und Geschäftsführer von Protonet: „Sicherlich gibt es aktuell viele verschiedene Förderungen am deutschen Markt, aber der große Hebel entsteht erst dann, wenn das private Geld, das in Start-ups und Innovationen investiert wird, auch vom Staat gewürdigt und als gesellschaftlicher Beitrag anerkannt wird.“

Speziell im Mobility-Umfeld ist in den letzten Jahren so etwas wie unternehmerische Aufbruchsstimmung zu beobachten. Vor allem im hippen Berlin gibt es dem Vernehmen nach eine Gründerszene, die zwar – natürlich! – nicht an das vielbesungene Silicon Valley herankommt, aber für deutsche Verhältnisse doch erstaunlich (medien-)präsent ist. Bemerkenswert ist diese Situation deshalb, weil es die zumeist jungen Firmengründer irgendwie bewerkstelligen müssen, ihre Ideen in Rekordzeit zur Marktreife zu bringen und hernach auch noch die eigentliche Markteinführung zu überleben. Vor dem Hintergrund der nicht schlafenden weltweiten Konkurrenz entbrennt ein Kampf an mehreren Fronten, der hierzulande schon jede Menge ehemals hoffnungsfrohe Opfer gefordert hat – oder zumindest einige hochfliegende Träume hat platzen lassen.

Dies liegt ausdrücklich nicht an mangelndem Ideen-reichtum in Deutschland. Auch nicht an mangelndem Unternehmergeist. Vielmehr liegt die Ursache des Scheiterns zumeist an fehlenden finanziellen Mitteln. Dieses Fehlen wiederum ist Folge einer scheinbar sehr deutschen Eigentümlichkeit: nämlich Risikoscheu gepaart mit der Angst, in größeren Dimensionen zu denken. Nicht zu vergessen eine gehörige Portion USA-Ergebenheit. Denn alles, was aus USA den kommt, muss ja gut sein.

Warme Worte

Von Amerika als gelobtem Innovationsland schwadroniert auch die Politik, wie ein Betroffener aus dem Freistaat Bayern zu berichten weiß. Josef Willkommer ist Geschäftsführer des IT-Unternehmens Techdivision, das sich im Bereich Webdesign und E-Commerce bewegt und innerhalb weniger Jahre von ca. 20 auf über 70 Mitarbeiter anwuchs. Größtenteils selbst erarbeitetes Wachstum, denn in Sachen Fremdfinanzierung wurde es ihm und seiner jungen Firma alles andere als leicht gemacht. Dafür durfte Willkommer den Worten des Bayrischen Staatsministers für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat, Dr. Markus Söder, lauschen. Der zeigte sich nach der Rückkehr von einer Dienstreise ins Silicon Valley ganz begeistert von der dortigen Dynamik der New-Economy-Unternehmen und mahnte denn auch gleich den Aufbau eines deutschen Pendants an. Schließlich sei Deutschland doch aus früheren Zeiten bekannt für seine Vorreiterrolle in Sachen Technologie und Ingenieurwesen.

Stimmt. In Willkommers Ohren und denen seiner Leidensgenossen müssen solche Beschwörungen von „Volksver-tretern“ wie Söder jedoch wie blanker Hohn klingen. Willkommer hat es geschafft, seine Ideen ohne große Hilfe von außen in die Tat umzusetzen. Viele andere hingegen schaffen dies nicht. „Dabei gibt es in Deutschland durchaus diese Art von Unternehmen, die nicht nur im Stile von Rocket Internet plump amerikanische und sonstige Vorbilder kopieren“, sagt er denn auch entschlossen.

Dem pflichtet ein anderer ‚Betroffener’ bei. Ali Jelveh ist Gründer und Geschäftsführer des mittlerweile erfolgreichen Hamburger Start-ups Protonet, das seinen Kunden mit einem eigenen Infrastrukturkonzept die Hoheit über ihre Daten zurückgeben will – u.a. mit selbstkonzipierten Servern für die Private Cloud und eigenem Betriebssystem. Protonet wurde im Rahmen des Förderprojektes „EXIST“ vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützt, hat darüber hinaus aber auch neuartigere Finanzierungsmodell wie Crowdfunding genutzt. Jelveh glaubt nicht, dass sich Unternehmer in Deutschland generell schwerer tun als anderswo, das Problem sieht er eher in der hiesigen Finanzierungslandschaft. Denn in seinen Augen existiert kein echtes Risikokapital, was Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern deutlich hinterherhinken lasse. Zudem würden Investitionen häufig nur in erprobte Businessmodelle gesteckt. „Banken sind meistens auch keine große Hilfe, da diese nur in Unternehmen investieren, die bereits über genügend Finanzen verfügen“, kritisiert Jelveh. Spätestens an dieser Stelle dreht es sich im Kreis. Denn wer nochmal verfügt über ausreichende Finanzen? – Start-ups jedenfalls nicht!

Als Alternative zu Banken und staatlicher Förderung hat Jelveh das bereits erwähnte Crowdfunding für sich entdeckt, das sich gerade allgemein immer größerer Beliebtheit erfreue. Allerdings sieht der Hamburger jetzt bereits gesetzliche Bestrebungen, Crowdfunding (noch weiter) zu regulieren. Dies widerstrebt ihm. Er findet, dass Regularien und Regulierungen erst ab einer Größe der Serie A greifen sollten, sprich ab Einnahmen von über fünf Millionen Euro. „Alles was darunter liegt, ist meines Erachtens nicht mehr als eine Anfangsfinanzierung.“

Banken zaudern

Dieser Hang zur Regulierung scheint typisch für Deutschland. Viele Jungunternehmer räumen zwar unisono ein, dass es eine Vielzahl an Förderprogrammen und Fördermöglichkeiten gebe – auch seitens der EU– diese jedoch aus unterschiedlichsten Gründen am tatsächlichen Bedarf vorbeigingen. Jan Johannes kommt aus Berlin und hat das Unternehmen Flux gegründet, das laut eigener Aussage keine wirkliche Chance gehabt hätte, wenn es nicht durch das etablierte Berliner Unternehmen Cortado unterstützt worden wäre. Cortado tritt als Mentor und Investor auf. Solche Unterstützung öffnet Türen, um wiederum bei institutionellen Förderern entsprechende, weiterreichende Mittel beantragen zu können.

Viele Türen bleiben jedoch manches Mal wohl grundsätzlich verschlossen, weil sie für den jeweiligen Antragsteller gar keine Klinke haben. Jan Johannes: „Viele Förderprogramme sind für uns nicht geeignet, weil wie bei EXIST die Universitätsnähe nicht gegeben ist oder weil die BAFA Wagniskapitalförderung an der Realität der Start-ups vorbeientwickelt wurde.“ Es gebe, so Johannes weiter, ein klassisches Kapitalangebot, das jedoch auf   konservative Mittelstandsunternehmen oder langsame Uniausgründungen ausgelegt sei. „Start-ups jedoch werden in der Regel von Gründern ins Leben gerufen, die keinen klassischen Werdegang vorweisen können und keinerlei Sicherheiten mitbringen. Für diese Gründer gibt es aber nur Geld von Leuten, die den gleichen Werdegang hinter sich haben, da sie die Ideen aus eigener Erfahrung und eigenem Wissen heraus beurteilen können.“

Langwierige Verfahren

Geld gibt es also nur dann, wenn der Investor selbst einmal in einem Engpass gesteckt hat? – Natürlich ist es verständlich, dass niemand – weder Banken noch private Investoren – Interesse daran haben können, auf ein lahmes Pferd zu setzen. Aber ein wenig mehr Zuversicht dürfte es schon sein, wie Sebastian Wolters bemerkt. Wolters ist Geschäftsführer und Gründer des Hannoveraner Start-ups Mediatest Digital, das Apps auf Sicherheit und Performance hin testet. Er wundert sich über die ausgeprägte Vorsicht und Skepsis, die er tief im Wesen der Deutschen verankert sieht. Dies spiegele sich nicht zuletzt im Bereich Venture Capital und Early Stage Investment wider. „Zu jeder noch so grandiosen Idee muss ein ex-trem guter und attraktiver Businessplan gehören, sonst wird es schwierig.“ Für Wolters steht fest, dass dieser Umstand den Innovationsgrad und den Tatendrang deutscher Jungunternehmer und Gründer stark hemmt.
„Die Anpassung der Businesspläne an die jeweils speziellen Anforderungen, die Gremienabstimmungen seitens der Investoren sowie rechtliche Rahmenbedingungen und Verhandlungsrunden nehmen sehr viel Zeit in Anspruch, so dass ein Gründer sich schon auf ungefähr zwölf
Monate einstellen muss, bis die Förderung unter Dach und Fach ist.“ Diese Zeit will natürlich erst einmal aus dem laufenden Geschäft gedeckt werden, wenn man sich parallel weiterentwickeln und verhindern will, dass
jemand anderes die tolle Geschäftsidee oder die Marktlücke besetzt.

Als extrem hemmend empfinden auch andere die Prozedur der Beantragung von Fördergeldern. Drastisch formuliert es Josef Willkommer von Techdivision, wenn er anprangert, dass etwaige Programme und Möglichkeiten häufig von Theoretikern für die Theorie entwickelt wurden. So stellt es in seinen Augen eine Farce dar, dass es auf dem Papier zwar diverse EU-Fördertöpfe für Jungunternehmen gibt, bei denen man jedoch einen echten „Gang nach Kanossa“ vor sich hat, wenn man überhaupt in irgendeiner Form einen Schritt weiterkommen wolle. „Am Ende stellt man dann mitunter fest, dass man von der Abgabe diversester Unterlagen, Businessplänen – die im übrigen häufig das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen – sowie sonstiger Vorableistungen bis zu einer möglichen Bewilligung Zeiträume von ein bis zwei Jahren einkalkulieren sollte.“ Dies könne gleichbedeutend sein mit dem Aus, weil sich speziell im IT-Segment das Rad so schnell weiterdrehe, dass die Zeit von Beginn an der größte Gegenspieler sei.

Glück alleine reicht nicht

Genau in dieses Horn bläst auch Jan Johannes: „Es gibt natürlich staatliches Startkapital und Fördertöpfe, die interessant und auch passend sind.“ Um an die heranzukommen, müsse man sich leider in einen komplett bürokratisch aufgeblähten Bewerbungsprozess begeben, der ein riesiges Hindernis darstelle. „Ein Start-up hat so wenige Ressourcen und Zeit, dass es in der Regel schlicht unmöglich ist, den oft monatelangen Bewerbungsparcours zu durchlaufen. Erstens wäre das Start-up, bis das Geld auf dem Konto wäre, längst pleite und zweitens gäbe es im Bewerbungsprozess nicht das Geld für den dedizierten Mitarbeiter, der den Antrag bearbeiten müsste.“

Die Forderung an die Bewilligungsstellen lautet also ganz klar, die Antragprozeduren deutlich zu entschlacken und zu entbürokratisieren. Gleichzeitig muss sich die Denkweise in Deutschland grundlegend verändern. Wenn man nicht auf’s Glück allein angewiesen sein will, dass Ali Jelveh von Protonet etwa dadurch erzwungen hat, mit einer Menge Leute gesprochen zu haben und auch einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, dann darf es kein Stigma mehr sein, auch mal mit einer Idee gescheitert zu sein.

An dieser Stelle können die USA in den Augen junger Unternehmer tatsächlich einmal als positives Beispiel herhalten. Nicht wegen der besseren Ideen, sondern weil Kapitalgeber dort deutlich risikofreudiger im Umgang mit Ideen sind. Bei uns herrscht demgegenüber nach Meinung von Josef Willkommer die Vorstellung vor, dass das Risiko möglichst ausgeschaltet werden solle und die Aussicht auf Erträge möglichst hoch ausfallen müsse. „Zu groß ist hierzulande auch die Angst des Scheiterns und den möglichen Spätfolgen. Während man in den USA als Gründer erst dann wirklich ernstgenommen wird, wenn man sich schon mal eine „blutige Nase“ geholt hat bzw. erstmal gescheitert ist, bekommt man in einem solchen Fall bei uns sehr schnell den Stempel eines des Verlierers aufgedrückt.“

Größer denken

Und dann wird es schizophren. Denn sollte es jemand am Ende tatsächlich packen, gegen allen Unbill erfolgreich zu sein, wird dieser Erfolg lieber versteckt. „Denn es könnte ja falsch herüberkommen, wenn man auf das Erreichte zu Recht stolz ist“, schüttelt Willkommer den Kopf. Dazu passt auch ein markiger Spruch von Bill Gates bezugnehmend auf einen Freund, der Pleite gegangen war: „Ich bin gespannt, was der als nächstes für eine Firma aufbaut.» In Deutschland wäre ein solcher Satz wohl undenkbar.

Gerade diese bei uns recht tief verwurzelte Angst vor dem Scheitern und dessen Folgen führen bei Gründern in vielen Fällen genau zum Gegenteil des in Amerika vielzitierten ‚Think Big’. „Wir schämen uns häufig und trauen uns kaum, über globale Produkte oder signifikante, internationale Produktlaunches nachzudenken – das Risiko und die Unsicherheit sind hier ein ständiger Begleiter und weiterer Hemmschuh“, resümiert der Techdivision-Chef.

Was also tun? Was wünschen sich junge Unternehmer von Poltik und institutionellen Geldgebern? Neben beschleunigten und transparenteren Verfahren vor allem größere Risikofreudigkeit. Letztere könnte dadurch erwirkt werden, dass beispielsweise privates Wagniskapital steuerlich attraktiver gemacht wird – und zwar auch für professionell gegründete Unternehmen, die von den Gründern über eine Holding gehalten werden, wenn die Holdings zu hundert Prozent im Besitz der Gründer sind. Diese Forderung wirft Jan Johannes von Flux in den Raum.

In eine vergleichbare Richtung argumentiert auch Ali Jelveh von Protonet. Er wünscht sich ein klares Bekenntnis des Staates dazu, privates Kapital, das in den Markt geht, als Risikokapital zu fördern. „Sicherlich gibt es aktuell viele verschiedene Förderungen am deutschen Markt, aber der große Hebel entsteht erst dann, wenn das private Geld, das in Start-ups und Innovationen investiert wird, auch vom Staat gewürdigt und als gesellschaftlicher Beitrag anerkannt wird.“

Desweiteren regt der Protonet-Geschäftsführer die Gründung eines Exit-Marktes an – also eine Art Börse für Innovationen, in der die Kette geschlossen werden kann von der Finanzierung bis hin zu einer Aktienausgabe, an der andere Menschen verdienen können. „In den USA gibt es das schon und dies wünsche ich mir auch für Europa und speziell für Deutschland.“

Verbesserungspotential

Zudem wäre es wohl auch wünschenswert, wenn Politik und Wirtschaft zukünftig sowohl Gründer als auch die Allgemeinheit ermutigen würden, sich gedanklich frühzeitig von zu limitierten Betrachtungen zu lösen und klarzustellen, dass gerade im IT-Umfeld das Denken in größeren Dimensionen nicht per se negativ ist. Gründer mit Visionen sollten ermutigt werden, diese auch öffentlich darzulegen. Wenn es hierfür eine Plattform gäbe, könnten mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden. Es könnte beispielsweise ein von Bund und Ländern bereitgestelltes Portal ins Leben gerufen werden, das erfolgsversprechende Start-ups und Geschäftsideen vorstellt und einer breiten Öffentlichkeit sowie potentiellen Investoren zugänglich macht. Damit wäre die öffentliche Hand weniger als Melkkuh für Start-ups denn vielmehr als Wegbereiter tätig, was in den Augen von Josef Willkommer auch erfolgsversprechender wäre.

Auch wenn es durchaus positive Beispiele von Förderungen durch die öffentliche Hand und auch privatwirtschaftliche Investoren gibt, bleibt noch eine Menge zu tun, bis Deutschland zu einer wirklichen Startrampe für junge Unternehmer und deren Ideen wird. Solange heißt es: Glück auf und nicht träumen, sondern Ärmel hoch. Für Sebastian Wolters hatte der langwierige Geldbeschaffungsprozess auch etwas Gutes: Denn insgesamt habe es sich gelohnt, zwölf Monate allerhärteste Klimmzüge durchzuziehen, da man in dieser Zeit lerne, mit sehr wenigen Ressourcen und Kapital auszukommen und trotz aller Anstrengungen das Geschäft nach vorne zu bringen. „Das schweißt ein Team extrem zusammen oder kann im negativen Fall aufzeigen, dass die Konstellation nicht die Richtige war/ist.“ Im Fall von Mediatest Digital glücklicherweise ersteres.

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