Homeoffice kontrovers

Weniger Arbeitsbienen, mehr verantwortliche Macher

Homeoffice-Regelungen verbreiten sich im Schneckentempo, denn die meisten Unternehmen stecken noch im Industriezeitalter.

Frau arbeitet im Heimbüro

Lässiges Arbeiten im Homeoffice? Wenn die Ergebnisse stimmen ...

Homeoffice ist super, Homeoffice ist nur was für karrierescheue Warmduscher, Homeoffice macht krank - das Thema lässt die Wogen hochgehen, denn es widerspricht der Unternehmenskultur der industriellen Ära. Hier zählt(e) Anwesenheit. Maschinen wurden von Hand bedient und wer nicht da war, arbeitete auch nicht. In der Ära von Wissensarbeit, Bürojobs und Informationstechnologie ist die Sache nicht mehr so einfach. Trotzdem ist die Arbeit zu Hause umstritten.

Zum Beispiel eine Studie der Arbeitsorganisation ILO der Vereinten Nationen. Ihre Aussage: Wer ständig zu Hause oder unterwegs arbeitet, leidet häufig unter Schlaflosigkeit und ist stressanfälliger. Das könnte daran liegen, dass die Heimarbeiter unter dem Druck stehen, sich besonders leistungsfähig zu zeigen. Abwesenheit gilt als Faulheit, typisch für die industrielle Arbeitsorganisation.

Und die ist noch weit verbreitet. Lediglich vier von zehn Arbeitgebern lassen ihre Mitarbeiter ganz oder teilweise von zu Hause aus arbeiten, hat der IT-Branchenverband Bitkom in einer Umfrage ermittelt. Immerhin: Die 39 Prozent Homeoffice-Anteil sind schon neun Prozentpunkte mehr als bei der letztjährigen Umfrage. Die Heimarbeit verbreitet sich also, ist aber noch längst nicht alltäglich. Außerdem ist recht unklar, wie viele Unternehmen tatsächlich den regelmäßigen Einsatz im Homeoffice erlauben.

Homeoffice mit Hindernissen

Die Hindernisse sind recht groß, denn natürlich eignen sich nicht alle Arbeitsplätze für die Verlagerung ins Heimbüro. Zudem gibt es gesetzliche Hürden, etwa der recht starre Acht-Stunden-Arbeitstag mit seiner elfstündigen Mindestruhezeit. Das bedeutet: Zwischen dem Ende des einen und dem Beginn des nächsten Arbeitstages müssten mindestens elf Stunden Ruhezeit sein.

Wer also erst mit der Familie zu Abend isst, dann die Kinder ins Bett bringt und anschließend noch an seiner Präsentation für den Folgetag werkelt, darf es nicht übertreiben und sollte spätestens um halb zehn Uhr Schluss machen. Anderenfalls muss er morgens ziemlich trödeln, um nicht zum Gesetzesbrecher zu werden. Wie realistisch das ist, mag jeder selbst entscheiden. Andererseits: Wer abends noch etwas arbeitet, sollte die Freiheit haben, morgens später anzufangen. Beides geht eben nicht, flexible Arbeitszeit und feste Zeitstrukturen passen nicht zueinander.

Doch die Sache mit der Flexibilität ist nicht immer ernst gemeint. Das manche Unternehmen abends die Mailserver abschalten, konterkariert jede Homeoffice-Regelung und sagt den Mitarbeitern: „Ich will euch von morgens bis abends hier sitzen haben, weil ihr ja sowieso mit Homeoffice nicht klarkommt.“ Ein Drittel aller Arbeitgeber bemängelt laut Bitkom, dass die Arbeitszeit nicht zu kontrollieren ist. Sie befürchten wohl, dass der Angestellte dann doch nicht so produktiv ist und zu viele andere Dinge erledigt.

Mittel gegen den Pendlerwahnsinn

Dabei könnte eine weit verbreitete Homeoffice-Regelung (inklusive eines Ausbaus regionaler Coworking-Standorte von Großunternehmen und Konzernen) ein riesiges Problem beheben, dessen jüngste Weiterung zu Diesel-Fahrverboten in den großen Städten führen wird: Der Pendlerwahnsinn. Vor 18 Jahren pendelte nur die Hälfte der Arbeitnehmer, inzwischen sind es schon knapp 60 Prozent - Tendenz steigend.

Stark gewachsen ist die Zahl der Fernpendler, die mehr als 25 Kilometer zum Arbeitsplatz bewältigen müssen. Das klingt im ersten Moment nach wenig.  Aber wer mit dem Auto vom Land in ein Ballungszentrum fährt, braucht für diese Strecke oft eine Stunde - viel verschwendete Zeit. Hinzu kommt, dass in vielen Regionen der öffentliche Nahverkehr lückenhaft und unzuverlässig ist, sodass er eher ein Hindernis als eine Hilfe ist.

Dabei ist in vielen Berufen die regelmäßige Anwesenheit am Arbeitsplatz nicht unbedingt notwendig. Vor allem digitale Technologien bieten viele Möglichkeiten, die Mitarbeiter im Homeoffice besser in den Unternehmensalltag einzubinden. Die Stichworte lauten: Confluence, Slack, Skype, E-Mail. Für viele Aufgaben reicht es vollkommen, die Anwesenheit im Büro auf einige Präsenztage einzudampfen - gemeinsamer Kantinenbesuch inklusive.

Unternehmenskultur entscheidet

Bei einigen Unternehmen scheint Homeoffice aber nicht mehr so beliebt zu sein, denn sie proben die Kehrtwende. Vorreiter in dieser Hinsicht war Yahoo, wo CEO Marissa Mayer den Niedergang allerdings auch durch ein Homeoffice-Verbot nicht aufhalten konnte - es lag wohl doch nicht an mangelnder Anwesenheit am Arbeitsplatz. Auch IBM findet, Mitarbeiter seien in Gesellschaft ihrer Kollegen produktiver. Allerdings hat auch Big Blue etliche Probleme und kämpft mit sinkenden Umsätzen und schmalen Gewinnen.

Letztlich hängt erfolgreiches Arbeiten im Homeoffice immer von der Unternehmenskultur ab. Wer seinen Mitarbeitern Selbstverantwortung zugesteht und Vertrauen in sie hat, wird keine Probleme mit Homeoffice haben. Letztlich kommt es bei Wissensarbeit im weiteren Sinne lediglich auf die Ergebnisse an, nicht auf die Zeiten zu denen sie entstehen.

Das ist allerdings eine Lektion, die viele mittlere Manager noch lernen müssen. Denn ihre Bedeutung hängt häufig in erster Linie von der Zahl und dem Fleiß der Arbeitsbienen ab, denen sie denen sie in jeder Hinsicht vorgesetzt sind. Doch ob die Herausforderungen der digitalen Zukunft von einer Organisation der Vergangenheit erfüllt werden können?

Bildquelle: Thinkstock

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok