Anschläge in Neuseeland

Wenn Social Media zum Terrorgehilfen wird

Die Terrorattacke im neuseeländischen Christchurch hat einmal mehr gezeigt, wie hilflos die Plattformen großer Internetkonzerne extremistischer Propaganda ausgeliefert sind.

Absperrband der Polizei am Tatort

Obwohl die populären Informationskanäle von nur wenigen Konzernen gesteuert werden, bleibt die Eindämmung von terroristischer Propaganda problematisch.

Als am vergangenen Freitag ein rechtsextremistischer Terrorist in der neuseeländischen Ostküstenstadt Christchurch 50 Menschen töte und viele weitere verletzte, verfolgten bereits über 100 Menschen das Geschehen über den Facebook-Livestream des Killers in Echtzeit. Auf die Idee, das Video zu melden, soll dabei keiner gekommen sein. Erst 12 Minuten, nachdem die Übertragung beendet wurde, sei bei Facebook die erste Meldung eingegangen.

Als es den Verantwortlichen nach Hinweisen der Polizei gelang, das Video zu löschen, hatten es bereits 4.000 Menschen gesehen. Doch damit ging die Arbeit offenbar erst los. So teilt Facebook mit, dass alleine in den ersten 24 Stunden nach der Tat bereits 1,5 Millionen neue Uploads mit dem Filmmaterial gelöscht werden mussten. Gut 1,2 Millionen davon sollen beim Hochladen bereits automatisch erkannt und entfernt worden sein. Die Zahlen aus Facebooks Pressemitteilung verdeutlichen vor allem Eines: Die digitale Verbreitung von terroristischer Propaganda lässt sich längst nicht mehr von Menschenhand vermeiden. Künstliche Intelligenz ist bei der Identifizierung und Löschung kritischer Inhalte zwar schon längst im Einsatz, reicht aber noch lange nicht aus, um dem Problem gerecht zu werden.

Konzerne in der Pflicht?

So stellt sich weniger die Frage, ob Facebook, Google und Co etwas gegen die Verbreitung dieser Bilder tun, sondern ob diese Anstrengungen auch ausreichen. Während Google im vergangenen Jahr behauptete, seine Maßnahmen bei der Entfernung von extremistischen Inhalten zu verstärken, kommen Studien zu anderen Ergebnissen. So berichtet etwa die Non-Profit-Organisation „Counter Extremism Project”, dass bei ihren Untersuchungen mehr als die Hälfte der Youtube-Accounts nicht gesperrt wurden, nachdem gemeldete Videos mit extremistischen Inhalten von ihnen entfernt wurden.

Der Autor Ian Bogost stellt in einem Beitrag für „The Atlantic” fest, dass das Internet letztendlich so angelegt sei, sich jeglicher zentralen Autorität zu entziehen – obwohl eigentlich nur eine Handvoll großer Konzerne die Informationskanäle unter Kontrolle hätte. Die Folge: Selbst unbedarfte Nutzer kommen im Zweifel nicht drum herum, mit der Propaganda konfrontiert zu werden. So berichtet auch Bogost davon, unfreiwillig im Twitter-Feed auf das verstörende Video des Attentäters gestoßen zu sein. Sein Fazit: Das Internet sei wie die Büchse der Pandora, nur dass hier niemals ein Deckel drauf gewesen wäre.

Bildquelle: Getty Images Plus/iStock

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