Automatisierung

Wer den Anschluss verliert, wird Geringverdiener

Der Computer hat viele Berufe schwieriger gemacht: Sie haben weniger Routineaufgaben und ein großes Gehaltsgefälle.

Regelmäßig erscheinen inzwischen Panikmeldungen, die bedrohliche Szenarien für die Zukunft ankündigen: Eine Studie der Universität Oxford geht davon aus, das bis 2030 fast jeder zweite Arbeitsplatz in den USA der Automatisierung zum Opfer fällt. Ähnliche Prognosen gibt es auch für Deutschland, etwa von der Direktbank Ing-Diba. Hiernach könnten von den derzeit rund 30 Millionen Beschäftigten etwa 18,3 Millionen durch Roboter und Software ersetzt werden.

Die Studien verweisen auf einen plausibel klingenden Zusammenhang: Mit moderner Software, vor allem aus der KI, können inzwischen auch Aufgaben automatisiert werden, die dem Computereinsatz bisher weitgehend verschlossen waren. Dadurch werden auch Arbeiten wegrationalisiert werden, die bisher sicher schienen.

Die einfache Gleichung „Mehr Automatisierung gleich mehr Arbeitslosigkeit“ stimmt nicht, meint der Sozialwissenschaftler James Bessen, der stattdessen in einer Studie für eine weniger einseitige Sicht auf Automatisierung und Computereinsatz plädiert. Bessen arbeitet an der Boston University School of Law und interessiert sich besonders für Technologie und Innovation sowie ihren Einfluss auf die Gesellschaft.

Er hat für seine Automatisierungsstudie die offiziellen Datensätze des US-Zensus untersucht und insbesondere die Daten zur Entwicklung der Beschäftigung in 137 Berufen analysiert. Dabei kommt er zu Erkenntnissen, die ein wenig von den üblichen apokalyptischen Meldungen von horrenden Jobverlusten abweichen.

„Diese Ängste sind unangebracht“, schreibt er in einem Artikel für den Atlantic. „Die Folgen der Automatisierung sind weder einfach noch offensichtlich.“ So liest er aus den Daten ab, dass die Beschäftigungsquote in Berufen, die nach 1980 sehr stark von Automatisierung betroffen waren, entgegen der Erwartung gestiegen ist - etwa um 1,2 Prozent pro Jahr.

Automatisierung bringt eine große Spreizung der Gehälter

Allerdings ist ein Trend in der Vergangenheit keine Garantie dafür, dass sich die Entwicklung auch in der Zukunft fortsetzen wird. Es ist durchaus möglich, das der Jobsaldo in Zukunft negativ werden kann. Außerdem stellt Bessen für die letzten 30 Jahre eine durchaus negative Entwicklung fest: In allen Branchen mit hohem Computereinsatz wuchs die Ungleichheit der Gehälter.

Zwar sinkt die Zahl der Berufe, die grundsätzlich schlecht bezahlt sind, doch zugleich gibt es innerhalb der stark automatisierten Berufe immer mehr schlecht bezahlte Positionen. Eine mögliche Erklärung für diese Tendenz ist die Tatsache, dass sich Beschäftigte in den automatisierten Berufen stetig weiterbilden müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wer dies nicht kann oder will, erhält in seinem Beruf nur Geringverdienerjobs.

Seine Erkenntnis: „Die Last der Automatisierung wird in erster Linie von den weniger Befähigten getragen.“ Sie waren auch schon in der Vergangenheit weniger bereit oder in der Lage, sich auf dem Wege der Weiterbildung für die zusätzlichen und anspruchsvollen Aufgaben zu qualifizieren. Dies könnte in Zukunft noch stärker der Fall sein, wenn beispielsweise verstärkt Routineaufgaben in Büros „wegautomatisiert“ werden.

Damit diese Entwicklung in Zukunft nicht zwangsläufig wird, weist Bessen auf eine wichtige Gegenstrategie hin: Mehr Bildung für bessere Jobs. Politik, Gesellschaft und die Unternehmen sollten den Blick weniger auf die dräuende Roboter-Apokalypse richten, sondern auf die Befähigung der jetzigen und der zukünftigen Beschäftigten.

Bildquelle: Thinkstock

 

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