MOB: Frau Hinners, in den vergangenen Jahren zeichnet sich ein Trend zur schnelleren Verfügbarkeit von Waren ab. Bedingt durch die Corona-Pandemie gab es allerdings Rückschläge und neue Herausforderungen zu bewältigen. Wie stabil ist die Supply Chain anno 2023 in Deutschland?
Alexandra Hinners: Die dynamische Entwicklung von Trends, Disruptionen und Nachfrage wird die Lieferketten auch im Jahr 2023 vor Herausforderungen stellen. Der Klimawandel wirkt sich auf Logistik, operative Geschäfte und Ressourcen sowie die Präferenzen der Kunden in Bezug auf Nachhaltigkeit aus. Trotz der Globalisierung beeinflussen geopolitische Unsicherheiten den Warenfluss und führen zu einem veränderten Fokus auf Resilienz und Regionalität.
Die steigenden Lebenshaltungs- und Energiekosten sowie die Forderungen nach höheren Löhnen bedeuten, dass es bei der Effizienz keinen Spielraum für Kompromisse gibt. Reaktionsschnelligkeit, Agilität und der verstärkte Einsatz von neuen Technologien sind für Unternehmen von entscheidender Bedeutung, um ihren Wettbewerbsvorteil zu sichern, unerwartete Risiken zu bewältigen und Chancen zu nutzen. Aus der Sicht von Zetes werden folgende fünf Supply-Chain-Trends die Logistiklandschaft in diesem Jahr prägen: Kollaborative Automatisierung zur Bekämpfung des anhaltenden Arbeitskräftemangels, Transparenz und Rückverfolgbarkeit für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und der Agilität, grüne Logistik, die Kreislaufwirtschaft in der Supply Chain und die Optimierung auf der mittleren Meile.
MOB: Viele Prozesse müssen nach wie vor optimiert werden. Davon betroffen ist auch das Lager. Wie können manuelle Arbeitsabläufe allgemein noch zuverlässiger und schneller werden?
Hinners: Der Arbeitskräftemangel in den Bereichen Lager, Transport und Logistik gefährdet nach wie vor die Leistungsfähigkeit der Supply Chain. Dieser Mangel ist auf einen schrumpfenden Talentpool zurückzuführen, der auf der Entwicklung der Bevölkerungsstruktur in Deutschland basiert. Ältere Arbeitnehmer gehen in Rente und können aufgrund des demografischen Wandels nur durch weniger Berufsanfänger ersetzt werden. Die Integration von Automatisierungslösungen kann dazu beitragen, Mitarbeiter zu gewinnen und zu binden, die personellen Kapazitäten zu maximieren und Produktivität, Arbeitsabläufe und Nutzung der Lagerflächen zu optimieren.
Moderne Technologien wie autonome mobile Roboter (AMRs) ersetzen keine Arbeitskräfte, sondern unterstützen sie bei ihrer Arbeit und lassen ihnen Spielraum für die Wahrnehmung profitablerer und produktiverer Aufgaben. Der optimale Mix aufeinander abgestimmter Technologien zur Optimierung bestehender Prozesse wird erfolgsentscheidend sein. Beispielsweise können AMR-Systeme in Kombination mit Pick-to-Light-Technologie oder auch Pick-by-Voice die Kommissionierleistung teilweise auf das sechsfache pro Stunde steigern und sich innerhalb von zwölf Monaten bereits amortisieren. Die Automatisierung und Digitalisierung kann dabei auch in kleinen Teilschritten erfolgen, so dass die vorhandenen Ressourcen Step-by-Step die Lagerprozesse digitalisieren können.
MOB: Inwiefern werden modernen Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) in den kommenden Jahren noch eine Rolle für die Supply Chain spielen?
Hinners: Künstliche Intelligenz und Machine Learning werden generell eine immer wichtigere Rolle für uns alle spielen. In aller Munde sind ja aktuell ChatGPT und ähnliche KI-basierte Chat-Tools, die uns zeigen, was aus entsprechenden Datenpools an Wissen für eine weitere Verwendung bereitsteht. KI-Systeme sind in der Lage, große Mengen an Daten zu analysieren und daraus Schlüsse z.B. für das eigene Business zu ziehen. Gerade die Logistik mit ihren weitverzweigten Netzwerken bietet für KI und ML ein ideales Einsatzgebiet und ermöglicht es Unternehmen, ihre Lieferketten zu optimieren, indem sie entsprechende Datenanalyse-Tools etwa für präzisere Vorhersagen in Bezug auf Nachfrage von Produkten, Beständen und auch Lieferzeiten nutzen. Basierend darauf sind Unternehmen imstande, ihre Planungen, Lagerprozesse und -bestände effektiver auszuführen und zu verwalten.
Dies ist ein Artikel aus unserer Online-Ausgabe 1-2/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo der Print-Ausgabe.
KI und ML können ebenso dazu beitragen, kritische Situationen in der Lieferkette frühzeitig zu erkennen und proaktiv zu reagieren, bevor größere Probleme daraus entstehen. Im Zuge der Digitalen Transformation mit fortschreitender Technologieentwicklung werden immer mehr Unternehmen in der Lage sein, diese Technologien nutzen, um ihre Lieferketten zu optimieren, Geschäftsprozesse zu automatisieren und damit wettbewerbsfähig zu bleiben. Fazit ist, wer jetzt nicht digitalisiert wird in Zukunft abgehängt.
Bildquelle: Rika Busch