Open Data und Open Access für alle

Wer profitiert von der Smart City?

Im Interview berichtet der Smart-City-Forscher Michael Lobeck über Akteure, Chancen und Risiken sowie Geschäftsmodelle in den vernetzten Städten der Zukunft. Das deutsche Pilotprojekt "T-City Friedrichshafen" hat Lobeck wissenschaftlich evaluiert.

Michael Lobeck

Michael Lobeck spricht über Smart Cities.

Wer meint eigentlich was, wenn er von einer „Smart City“ spricht?
Michael Lobeck:
Hier gibt es eine große Spannweite. Technologiekonzerne verstehen unter einer „Smart City“ oft jede Menge Sensoren in Hard- oder Software, die Verhalten von Menschen messen und klassifizieren, die so erschaffenen Daten dann speichern und in großen Rechenzentren mit geheim gehaltenen Algorithmen bearbeiten, um Muster zu erstellen oder gar Persönlichkeitsprofile zu konstruieren.
Denjenigen, die „Smart City“ aus Bürgersicht vertreten, sind häufig die Möglichkeiten zur besseren Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Bürgern mit Politik und Verwaltung besonders wichtig. Hier spielt die Technik die Rolle, bessere Kommunikation leichter zu machen. Der Kern besserer Kommunikation ist aber nicht die Technik, sondern der Wille auf allen Seiten, sich zu öffnen, besser zuzuhören und die eigene Position in Frage zu stellen.
Die Städte selbst streben mit dem Konzept „Smart City“ häufig eine Effizienzsteigerung der eigenen Arbeit an. Verwaltungsprozesse sollen schneller werden, Medienbrüche verhindert, Informationsflüsse verbessert. Oft sind Konzepte zur Einführung von mehr Digitalisierung in der Verwaltung mit Prozessveränderungen verbunden. Entscheidend ist hier die Zielklärung. Effizienz ist immer nur in Bezug auf ein Ziel hin sinnvoll zu definieren. Will ich z.B. einen Bauantrag besonders schnell oder besonders gerichtsfest erteilen?

Wer profitiert von einer schlauen, vernetzten Stadt?
Lobeck:
Je nachdem, welche Technik mit welchem Ziel von wem und für wen eingesetzt wird, ist das sehr unterschiedlich zu beantworten. Wenn sich die technikgetriebenen Konzerne durchsetzen, profitieren zu allererst sie selbst durch Unmengen von Daten, die sie unter Kontrolle haben. Wenn sich die demokratisch legitimierten Stadtregierungen einmischen und Daten über die sie verfügen entweder selbst auswerten oder Dritten nur „leihweise“ überlassen, profitieren auch die Gemeinwesen. Bürgerinnen und Bürger können über bessere Services profitieren, insbesondere dann, wenn Daten und der Umgang damit „offen“ erfolgt. Als „Open Data“ und mit „Open Access“. So dass jede und jeder auf erhobene Daten zugreifen kann und neue Ideen zur Auswertung und Nutzung entwickeln kann.

Welche Chancen ergeben sich für welche Teile der Bevölkerung?
Lobeck:
Grundsätzlich nutzt ein sehr großer Teil der Bevölkerung unterschiedliche Dienste, die durch den Einsatz von „Smart-City-Technologien“ verbessert werden können. Von der Kommunikation mit der Stadt, der Fahrt mit Bus, Bahn, Fahrrad oder Auto bis hin zur Ausleihe von Medien in der Stadtbücherei oder dem Einkauf in der Innenstadt oder im Internet.
Wenn neben der Nutzung bereits bestehender Angebote, die vielleicht schneller, leichter verfügbar und im Einzelfall eventuell auch preiswerter werden, auch die Gestaltung neuer Möglichkeiten eine Rolle spielen sollen, gibt es keinen Unterschied zur „Offline-Welt“ bei der Frage, wer teilnimmt und wer nicht.
Tendenziell nutzen reichere und besser gebildete Bürgerinnen und Bürger die (offline- wie online-) Möglichkeiten zur Gestaltung des Gemeinwesens stärker.

Welche Geschäftsmodelle ergeben sich für große und kleine Firmen?
Lobeck:
Das Feld möglicher Innovationen und Geschäftsmodelle ist durch den Querschnittscharakter der eingesetzten Technologie und der Offenheit der Anwendungsfelder enorm groß. Vom Angebot von Apps für den Nutzer von Verkehrsmitteln über Beiträge zur Prozessoptimierung in Verwaltungen bis zu Steuerungssystemen für den Haushalt reicht das Spektrum. Große und kleine Firmen können nicht nur auf unterschiedlichen Feldern Produkte entwickeln, sondern noch stärker als bisher schon spezialisierte Teile und Komponenten entwerfen, die in Kooperationen nutzbar werden.
     
Was lässt sich aus bisherigen, Ihnen bekannten Pilotprojekten für das Thema folgern?
Lobeck:
Zur Zeit dominieren die technikgetriebenen, sensor-gestützten Ideen und Anwendungen sowie ein verhältnismäßig unreflektiertes Effizienzsteigerungswesen die Debatte und die Umsetzung. Datenschutzthemen als Verkaufsvorteil kommen beispielsweise erst ganz langsam in die Debatte. Die Reflexion des Themas und seiner gesellschaftlichen Auswirkungen sowohl für die Demokratie als auch für Wirtschaft oder Kultur steht noch immer ganz am Anfang.

Es wäre sehr hilfreich, wenn es gelänge, mehr Menschen dazu anzuregen, sich über die Auswirkungen der Digitalisierung Gedanken zu machen und diese miteinander auszutauschen, mit dem Ziel das Phänomen besser zu verstehen.

Sie haben sich intensiv mit der "T-City Friedrichshafen" befasst. Wie lautet Ihr Fazit?
Lobeck:
Die T-City Friedrichshafen war das erste und mit Blick auf die Vielfalt der Anwendungen auch das umfassendste „Smart-City-Projekt“ in Deutschland. Die Deutsche Telekom hat gemeinsam mit der Stadt Friedrichshafen in mehr als 30 Einzelprojekten von Gesundheit über Verwaltung und Bildung bis hin zu Verkehr, Wirtschaft und Tourismus innovative Lösungen entwickelt und ausprobiert. Die drei Besonderheiten des Projektes liegen in der Einbeziehung der gesamten Stadtgesellschaft Friedrichshafens, im Experimentiercharakter des Projektes und der integrativen Zielsetzung über Einzelprojekte hinaus. Alle Bürgerinnen und Bürger konnten sich mit Ideen und als Pilotnutzer an der Entwicklung einer Smart City Friedrichshafen beteiligen. Projekte wurden gemeinsam von der Deutschen Telekom und den lokalen Akteuren konzipiert und umgesetzt.
Das Projekt wird von dem unabhängigen Evaluationsteams des Geographischen Instituts der Universität Bonn als erfolgreich bewertet. Zwar wurden nicht alle hochgesteckten Ziele erreicht, zahlreiche Einzelprojekte führten jedoch zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität und legten die Basis für eine Weiterentwicklung auf gesamtstädtischer Ebene.

Welche grundsätzlichen technischen Voraussetzungen sind nötig (Breitband, Smartphones, Cloud-Dienste)?
Lobeck:
Die Basis für eine breite Nutzung und Entwicklung von neuen Anwendungen ist ein preisgünstig und unkompliziert verfügbarer Zugang zum Internet mit Bandbreiten von derzeit (!) mindestens 50 Mbit/s. Auf der Basis welcher Trägertechnologie das erfolgt, scheint mir grundsätzlich zweitrangig. Geht man allerdings davon aus, dass die Anforderungen an die Übertragungsgeschwindigkeit der Netze weiter steigen, scheint im kabelgebundenen Bereich Glasfaser derzeit die einzig sinnvolle Technik darzustellen. Im Mobilbereich ist ein möglichst flächendeckender Zugang zu WLAN ohne die vollkommen absurde Störerhaftung sicherlich sehr hilfreich.

Sind individuelle Daten in einer Smart City gefährdeter als wo anders?
Lobeck:
Wenn man konsequent Ansätze fördert und verfolgt, die das Prinzip „privacy by design“ berücksichtigen, die also bereits bei den ersten Überlegungen zu neuen Anwendungen und Lösungen beispielsweise die Prinzipien von Datensparsamkeit, größtmöglicher Anonymität und verfügarer Verschlüsselung nutzen, dann kann die „Smart City“ sogar mehr Schutz für private Daten bieten.
     
Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus Smart Cities für die Demokratie?
Lobeck:
Die Chance der Anwendung digital gestützter Kommunikation und Information für die Demokratie liegt in der Möglichkeit der besseren Wahrnehmung von individuellen Einschätzungen zu einzelnen Themen. Es wird für Bürgerinnen und Bürger leichter, ihre Sicht der Dinge zu artikulieren. Gleichzeitig erfordert dies aber auf Seiten der anderen Bürgerinnen und Bürger und auf Seiten von Verwaltung und Politik neue Umgangsformen, um mit den vielfältigen Äußerungen auf unterschiedlichen Kanälen umzugehen. Es steigt vor allen Dingen auch die Möglichkeit von kapitalstarken Interessengruppen, die öffentliche Meinung gezielter und wirkungsvoller zu beeinflussen, als je zuvor.

Detaillierte Informationen zum Projekt Friedrichshafen gibt es auf der Projektwebseite stadtundikt.de und in dem als Buch erschienenen Evaluationsbericht:

Lena Hatzelhoffer, Kathrin Humboldt, Michael Lobeck und Claus-Christian Wiegandt (2012): Smart City konkret - Eine Zukunftswerkstatt in Deutschland zwischen Idee und Praxis. 272 Seiten. Berlin (Jovis Verlag). ISBN: 978-3868591613. 39,80 Euro.

Auch in englischer Fassung erschienen:
Smart City in Practice. ISBN: 978-3868591514

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