NCSA Mosaic: Urvater aller Browser
Levi Asher ist immer noch da, seit 1994. Es ist ein seltsames Gefühl, die x-te Version der Website zu sehen, die ich im Herbst jenes Jahres eher zufällig gefunden habe. Damals “browste” ich (wie es seinerzeit hieß) mit Windows 3.11 und NCSA Mosaic das Web.
Mein erster Anlaufpunkt war stets die Liste mit den neuen Webservern, “What’s new on the World Wide Web?”. Und bei einem meiner Ausflüge dorthin stieß ich auf das Projekt “Literary Kicks” von Levi Asher. Er hatte eine Menge Artikel zu genau einem Thema geschrieben, das mich zu der Zeit interessierte - die Literatur der Beat Generation. Das hat mich sofort vom Web überzeugt.
Zu dieser Zeit war das Internet eine Sache für Leute mit ausreichend Unerschrockenheit angesichts hakeliger V.32bis-Modemverbindungen und unausgereifter TCP/IP-Stacks. Ich nutzte einen der ersten privaten Zugänge von EUnet, einem der damals größten kommerziellen Internetprovider in Europa. Es war ein Einwahlzugang für (wenn ich mich richtig erinnere) sagenhafte 19 Pfennig die Minute - ein Zeittarif, der René Obermann Freudentränen in die Augen treiben würde.
Wenn ich eine längere Webseite lesen wollte, habe ich die Verbindung rasch wieder getrennt. Größere Downloads von mehr als ein paar Kilobyte habe ich möglichst am frühen Morgen vor acht Uhr erledigt. Dann war nicht so viel los: Die US-Studenten waren schon weg, die europäischen aber noch nicht wieder da.
In der Rückschau war 1994 genau das richtige Jahr, um ins Internet einzusteigen. Es war gerade noch das Netz der Akademiker, Enthusiasten, Techies und Usenet-Freaks. Es gab noch exotische Dienste wie Telnet, über den man Zugriff auf Universitätsrechner in den USA bekam oder Gopher, der Textdokumente vor allem aus den Universitäten in einigermaßen übersichtlicher Form präsentierte.
Doch die am schnellsten wachsende Domain war Dotcom, die Spielwiese der Unternehmen. In den rund zwölf Monaten bis Ende 1995 bildete sich ein Großteil der Strukturen heraus, die das Internet bis heute bestimmen. 1995 war das Jahr, in dem die ersten Suchmaschinen modernen Stils starteten. Und es war das Jahr, in dem Microsoft und damit Millionen Privatanwender mit Windows-Kiste das Internet entdeckten.
Die Jahre seitdem haben eine ganze Reihe von Alltagsdingen fundamental verändert, zum Beispiel unser Einkaufsverhalten. Aber auch bei den Informationsmedien gab es einen radikalen Wandel.
Welch ein Unterschied: In den 1990er Jahren hatte ich zeitweise zwei Tageszeitungen, eine Wochenzeitung, ein Nachrichtenmagazin, eine Computerzeitschrift und die Wired im Abo. Damals habe ich auch noch regelmäßig TV-Nachrichten gesehen und mich wie einige Millionen anderer Leute zu bestimmten Zeiten vor das Gerät gesetzt, um brav das vorgefertigte Programm anzuschauen.
Und heute? Nichts. Stattdessen lese ich täglich in meinen RSS-Feeds zu technologischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Themen. Ich informiere mich über Aktuelles fast ausschließlich im Internet. Dabei brauche ich nur bei tiefergehenden Recherchen noch Suchmaschinen. Viele Neuigkeiten, aber auch Hinweise auf interessante Hintergrundanalysen erreichen mich heute über Twitter oder Facebook.
Dieser Wandel in meinem Leseverhalten betrifft aber im wesentlichen nur Medien im engeren Sinne. Bücher lese ich nach wie vor häufig und gerne - egal, ob es sich um Fachbücher oder Belletristik handelt. Nur so nebenbei: Auch in Sachen Literatur oder Musik ist das Internet eine ungeschlagene Quelle des Wissens.
Und die Glotze? Ich habe nicht einmal mehr eine. Wenn mir der Sinn nach einer bestimmten Sendung steht, gehe ich entweder zur Mediathek des Senders oder lade sie über einen Online-Videorekorder herunter. Doch mein TV-Konsum ist extrem gesunken, nur noch ein paar wirklich sehr gute Serien schaffen es, meine Aufmerksamkeit zu fesseln. Und die sehe ich mir dann gemütlich auf dem iPad an.
Bildquelle: National Center for Supercomputing Applications (NCSA), University of Illinois at Urbana-Champaign