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18.10.2017 Smart-City-Projekte

Wie intelligent sind Deutschlands Städte?

Von: Lea Sommerhäuser

Wer im Internet den Begriff „Smart City“ eingibt, erhält Millionen an Suchergebnissen. Und laut einer aktuellen Studie sollen sich die Smart-City-Umsätze in den nächsten Jahren auf 43,8 Mrd. Euro mehr als verdoppeln. Doch ab wann gilt eine Stadt eigentlich als „smart“? Und wer profitiert überhaupt von ihr?

Wie digital deutsche Städte sind, zeigen aktuelle Smart-City-Projekte.

Wie digital deutsche Städte sind, zeigen aktuelle Smart-City-Projekte beispielsweise in Bergisch Gladbach und Berlin.

Der Smart-City-Markt ist in den kommenden Jahren einer der am schnellsten wachsenden Sektoren weltweit –und das auch in Deutschland. Laut der frisch von Eco und Arthur D. Little veröffentlichten Studie „Der deutsche Smart-City-Markt 2017–2022. Zahlen und Fakten“ verzeichnet dieser Sektor 2017 einen Umsatz von ca. 20,4 Mrd. Euro. Bis 2022 sollen sich diese Umsätze in Deutschland auf rund 43,8 Mrd. Euro mehr als verdoppeln – das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 16,5 Prozent.

Doch trotz der Pilotprojekte stecke der deutsche Markt – global gesehen – noch in den Kinderschuhen, meint Harald A. Summa. „Der erfolgbringende, ganzheitliche Ansatz einer offenen und segmentübergreifenden Plattform ist in den führenden deutschen Smart Cities wie Berlin, Frankfurt und München kaum erkennbar“, so der Geschäftsführer des Eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. Hier müsse etwas getan werden. „Im Gegensatz zeigen internationale Vorreiter wie Barcelona oder Nanjing, wie durch ein gesamtheitliches Konzept die Lebensqualität der Bewohner verbessert und eine effiziente urbane Infrastruktur aufgebaut werden kann.“ Um in den kommenden Jahren im internationalen Vergleich zu führenden Smart Cities aufzusteigen, sollten deutsche Städte und Unternehmen eng zusammenarbeiten, um einen ganzheitlichen Ansatz zu realisieren.

Treiber und Bremser

Der Bund treibt das Thema mit der Einführung von Vorgaben und Richtlinien für Städte und Kommunen voran und spricht Handlungsempfehlungen aus. „Aktuell werden vor allem die E-Mobilität und die Energiewende forciert“, berichtet Andreas Zerlett, Sales Excellence Energy & Infrastructure / Smart City bei der Copa-Data GmbH. „Kommunen werden in die Verantwortung genommen, das Umdenken zu fördern.“ So setzen viele Bürgermeister das Thema auf ihre Agenda, haben dann aber wohl viel Überzeugungsarbeit zu leisten und „insbesondere im Hinblick auf die Finanzierung mit der Umsetzung zu kämpfen“, meint Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh, Leiterin des Smartcity.Institute. Naturgemäß seien natürlich Lösungsanbieter eher Treiber des Prozesses, scheitern aber in der Regel an den sektoral strukturierten Stadtverwaltungen und den städtischen Budgets. Zugleich werde aufseiten der Stadtbewohner eine zeitgemäße Umsetzung der Digitalisierung teilweise erwartet – dazu gehören z.B. die Bereitstellung von schnellen Netzen und öffentlichem WLAN.

Bremser von Smart-City-Projekten sind neben der bereits erwähnten Finanzierungsfrage vor allem Vorbehalte gegenüber neuen Technologien, denen man gerade in Deutschland häufig begegnet. „Gebremst werden smarte Projekte u.a. von Unternehmen“, so Andreas Zerlett, „die aufgrund fehlender Beispiele mit der Umsetzung überfordert sind.“

Zahlreiche Handlungsfelder

Dabei existieren in Städten und Kommunen zahlreiche Handlungsfelder und Bereiche, die von smarten Technologien profitieren können – vor allem der Verkehr, die Luftqualität sowie der Wohnraum. Aber auch die Energieinfrastruktur sollte intelligent sein, meint Prof. Dr. Michael Koch, Vice President der Devolo AG. „Denn das Energienetz der Zukunft ist heterogen aufgebaut: An die Stelle weniger großer treten viele kleine Erzeuger.“ So entsteht ein Mix beispielsweise aus der Energieerzeugung über die Solarzelle auf dem Hausdach, im nahegelegenen Windpark, im Blockheizkraftwerk im Viertel und in großen Kraftwerken. Um dieses Netz effektiv steuern zu können, braucht es intelligente Kommunikationstechnologie – im Netz und auch im Haus.

Ein weiteres Beispiel sind intelligente Straßenlaternen. Bergisch Gladbach modernisiert z.B. derzeit umfassend seine Straßenbeleuchtung. Bis Mitte 2019 sollen in der 110.000-Einwohner-Stadt im Bergischen Land die veralteten Leuchten durch LED-Technik ersetzt und überdies durch das Lichtmanagementsystem Citytouch von Philips Lighting vernetzt werden. Die Techniker vor Ort müssen die Leuchten lediglich auf den Masten montieren, heißt es, alles Weitere würden sie selbstständig ausführen. Sie melden sich automatisch in der Steuerzentrale an, lokalisieren sich in der kartenbasierten Software und übermitteln alle relevanten Daten wie den jeweiligen Leuchtentyp samt Anschlussleistung und den aktuellen Status an die Zentrale. Auch Störungen werden auf diesem Weg registriert.

Das Wissen, wie sich Menschen bewegen, ist für Städte ebenfalls eine sehr wichtige Information, um z.B. den Verkehr besser zu planen. An Lösungen in diesem Bereich arbeitet Telefónica Next. „Dafür nutzen wir u.a. die Daten, die in unserem Mobilfunknetz ohnehin anfallen“, berichtet Jens Lappoehn, Geschäftsführer des Unternehmens. „Immer wenn ein mobiles Endgerät mit dem Netz kommuniziert, entsteht ein Datenpunkt. Aus den fünf Milliarden Datenpunkten jeden Tag berechnen wir anonymisierte Bewegungsströme der deutschen Bevölkerung.“ Verkehrsbetriebe könnten so ihr Angebot entsprechend dem Bedarf anpassen. Im Projekt Protain arbeite man z.B. aktuell mit weiteren Partnern daran, den Nahverkehr in Berlin-Bandenburg zu optimieren.

Streben nach Verbesserung

Ab wann darf sich eine Stadt überhaupt als „smart“ bezeichnen? Gibt es bestimmte Mindestanforderungen? „Gemäß unserer Beschreibung einer Smart City kann Smartness nicht in Form eines Mindest- oder Endzustands erreicht werden“, meint Chirine Etezadzadeh. Vielmehr stehe die Verwendung des Begriffs, entsprechend der stetigen Entwicklung einer Stadt, für ein kontinuierliches Streben nach Verbesserung im Sinne der vielfältigen städtischen Ziele. „Dennoch wage ich zu sagen“, so die Institutsleiterin, „dass eine deutsche Stadt im Jahr 2017 ohne schnelles Internet, ohne eine einsetzende urbane Energiewende, ohne Bemühungen um Dekarbonisierung, ohne das gelebte Ziel, nachhaltig zu sein, ohne das Streben nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, ohne moderne Stadtverwaltung sowie ohne eine beginnende technische Vernetzung es schwer haben wird, als ‚smart’ anerkannt zu werden.“

Bei der Umsetzung von Smart-City-Projekten ist Datenschutz ein sehr wichtiges Thema. Erwartet werden sichere Lösungsplattformen, die Cyberangriffen ohne Probleme standhalten. Ständige Überwachung und Kontrolle machen zudem die Menschen krank und ineffektiv. „Wir brauchen Räume“, fordert deshalb Chirine Etezadzadeh, „in denen wir frei sind, uns ausprobieren können, interagieren und kreativ sein dürfen.“ Andernfalls wäre das das Ende des Fortschritts und der Gesundheit vieler Betroffener.

Die Vorreiter Deutschlands

Smart-City-Vorreiter in Deutschland sind wie eingangs erwähnt Berlin, Frankfurt und München. Die Städte haben laut Harald A. Summa eine Vielzahl an entsprechenden Initiativen auf den Weg gebracht. „München punktet mit einer innovativen Smart-City-Datenplattform, die Informationen aufbereitet und diese Unternehmen bereitstellt. Zudem gibt es auch einen Piloten mit intelligenten Straßenlaternen“ Außerdem pilotiere die Stadt smarte Energienetze und eine smarte Energie-Sanierungs-Allianz für in die Jahre gekommene Bauten.

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Berlin ist mit seinem dynamischen Start-up-Cluster ebenfalls mit zahlreichen Initiativen gestartet. „Insbesondere das Future-Living-Projekt findet international Beachtung als Referenzprojekt für das vernetzte, nachhaltige Wohnen der Zukunft“, so Summa. Das smarte Quartier werde ab Mitte 2019 von den ersten Bewohnern in Beschlag genommen.

In Frankfurt sind indes die ambitionierten Klimaschutzaktivitäten hervorzugeben. Hier sollen mit dem Masterplan „100 Prozent Klimaschutz“ bis 2050 mithilfe moderner Technologien der Energieverbrauch um 50 Prozent reduziert und zugleich die Energieversorgung zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestellt werden.

Laut Andreas Zerlett ist auch Darmstadt ganz vorne mit dabei. „Ab dem kommenden Jahr werden dort die Bereiche Verkehr, Energieversorgung, Schulen und das Gesundheitswesen mit neuesten digitalen Technologien ausgerüstet. Die öffentliche Verwaltung soll innovative Online-Anwendungen anbieten und der Handel intelligente Lieferdienste.“ Als weiteres Beispiel nennt er Bietigheim-Bissingen mit einem sparsamen Ampelsystem. Dort wurden flächendeckend Zwei-Watt-Ampeln verbaut, um mittels der sparsamen LEDs den Energieverbrauch der Stadt spürbar zu senken.

Ein Blick auf die Bürger

Und wie finden die Bewohner das Ganze? „Ich sehe, dass sinnvolle Innovationen von den Menschen dankend angenommen werden“, so Chirine Etezadzadeh. „Vereinfachte Bürgerdienste, ein moderner ÖPNV, Nachbarschaftsplattformen oder soziale Initiativen, die mit ganz wenig Technik auskommen, erfreuen sich großer Beliebtheit.“ Ähnlich sieht es Harald A. Summa: „Wenn die Bürger erst einmal den ‚Nektar’ eines funktionierenden Smart-City-Services gekostet haben, dann wollen sie mehr und es entsteht ein Pull-Effekt, der für das Smart-City-Ökosystem sehr wichtig ist.“ Und Michael Koch von Devolo betont, dass die Menschen den Mehrwert sehen müssen: „Wenn intelligente Parkraumbewirtschaftung und E-Mobility für weniger Staus und bessere Luft sorgen, wenn Smart Grids individuelle Stromtarife und neue Services ermöglichen, wenn sich Bürger den Gang zum Amt sparen können, dann lassen sie sich sicher davon überzeugen, dass Smart-City-Projekte sinnvoll sind.“

Die Herausforderung liegt u.a. darin, „die ältere Bevölkerungsschicht ‚abzuholen’ und sie zum Mitmachen zu motivieren bzw. vom Nutzen zu überzeugen“, gibt Andreas Zerlett zu bedenken. Intelligente Ver- und Entsorgungskonzepte funktionieren letztlich nur dann, wenn die Einwohner einer Stadt eingebunden und zur Nutzung aufgefordert werden. Verlieren werden hier nur diejenigen, die den Weg zur Smart City nicht beschreiten. Durch die Digitalisierung öffnen sich aber für alle neue Chancen und Möglichkeiten – die sollte man ergreifen.


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