„Automatisierungslösungen führen zu geringeren Fehlerquoten“, weiß Christian Floerkemeier.
MOB: Herr Floerkemeier, warum wird im stationären Einzelhandel beim klassischen Regalmanagement vielerorts noch auf Handarbeit gesetzt?
Christian Floerkemeier: Die Gründe dafür liegen im unterschiedlich weit entwickelten Digitalisierungsprozess, den der Einzelhandel durchläuft. Auf der einen Seite sehen wir Fortschritte wie automatisierte Arbeitsabläufe und den Ausbau von Online-Angeboten. Auf der anderen Seite beobachten wir aber auch weiterhin den Einsatz von Klemmbrettern, Papierformularen und Legacy-Anwendungen, die modernen und einheitlichen Lösungen im Weg stehen. Einzelhändler müssen sich daher die Frage stellen, ob sie weiter auf ihre Altsysteme setzen wollen, die aufgrund von mangelnder Verknüpfung meist als isolierte Silos funktionieren, oder ob sie ihre Prozesse mit modernen, nativen Lösungen neugestalten.
MOB: Inwieweit lässt sich das Shelf-Management – z.B. das Auffüllen von Ware, Korrigieren von Preisen oder Aufräumen falsch einsortierter Ware – bereits digitalisieren und automatisieren?
Floerkemeier: Hierbei können Technologien die Mitarbeiter bereits umfassend unterstützen: Scanlösungen können beispielsweise alle Barcodes in einem Lagerbereich lokalisieren und decodieren. Mit Suchkriterien lassen sich die gesuchten Codes schnell identifizieren. So finden sich schnell Fehler in der Regalbelegung und Mitarbeiter können Lagerbestände überprüfen, Preise verifizieren, Warenlieferungen verfolgen oder Bestellungen einfach versenden. Und das ist wichtig, wie unsere jüngste Store-Operations-Studie zeigt: 57 Prozent der Befragten sehen in der Bestandsverwaltung den Bereich mit dem größten Optimierungspotenzial. 53 Prozent sprachen sich für das Regalmanagement aus.
MOB: Welche mobilen Technologien und Lösungen kommen hierfür zum Einsatz, um effizienter und kostensparender zu arbeiten?
Floerkemeier: Modernste Batch-Scanning-Technologien sorgen bei der Erfassung von Aufträgen und Lagerbeständen für eine höhere Produktivität. Deutliche Zeitersparnisse können Mitarbeiter aber auch durch Multiscanning, also das zeitgleiche Erfassen unterschiedlicher Codes, erreichen. Ein spannendes Feld sind daneben auch Augmented-Reality-Funktionen, mit denen Mitarbeiter auf einen Blick Echtzeitinformationen über physische Waren erhalten.
MOB: Was sind die Herausforderungen bei der Digitalisierung und Automatisierung des Shelf-Managements? Lassen sich die mobilen Lösungen und Technologien ohne Probleme in die bestehende Infrastruktur integrieren?
Floerkemeier: Ein Problem sind mit großem Aufwand verbundene Legacy-Infrastrukturen. Zusätzlich ähnelt die IT-Landschaft aufgrund der unzähligen Tools und Komponenten in vielen Fällen einem Flickenteppich, was die Digitalisierungsinitiativen merklich bremst. Es wundert also nicht, dass laut unserer neuen Studie 68 Prozent der befragten Einzelhändler Probleme haben, die Technologie für den Filialbetrieb in bestehende Systeme zu integrieren. 39 Prozent gaben an, dass die große Auswahl an Tools ein Hindernis darstellt. Händler müssen bei der Modernisierung ihrer Technologien daher einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und ihre Systeme so effektiv verknüpfen, dass sie wie Zahnräder ineinandergreifen.
MOB: Welche Auswirkungen hat der Einsatz dieser Lösungen auf den Geschäftsablauf?
Floerkemeier: Vereinfachtes Scanning und Organisieren von Waren führt zu deutlichen Zeitersparnissen, sodass Mitarbeiter mehr Zeit für den Kunden haben. Guter Service und eine starke Kundenbindung werden immer wichtiger – dazu können auch Self-Checkouts beitragen, die Wartezeiten an der Kasse verringern und Platz einsparen. Automatisierungslösungen führen zudem zu geringeren Fehlerquoten und können in Verbindung mit Robotern oder Drohnen Scans an Orten durchführen, die für Mitarbeiter nicht erreichbar sind.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
MOB: Wie sollte sich Ihrer Meinung nach das Shelf-Management anno 2022 gestalten?
Floerkemeier: Ziel sollte es sein, durch die richtigen Technologien eine konsistente Kundenerfahrung und ein optimales Markenerlebnis zu erreichen. Dafür braucht es von Anfang an die richtige Ausrichtung und Strategie für eine Art Unified-Commerce-System, also ein hochfunktionales Ökosystem aus Lösungen, die optimal aufeinander abgestimmt sind. Mit dieser technologischen Grundlage können Händler auch komplexe Abläufe automatisieren, Trends frühzeitig erkennen und fundierte Geschäftsentscheidungen treffen.
Bildquelle: Scandit