Blick in die Zukunft

WiFi vs. 5G – Komplementäre Einsatzmöglichkeiten

Massimo Mazzeo, Senior Director, Systems Engineering Europe bei Commscope, ist der Ansicht, dass WiFi durch 5G nicht irrelevant wird und umgekehrt soll WiFi 6 den neuen Mobilfunkstandard nicht gefährden. „Vielmehr sehen wir sogar komplementäre und parallele Einsatzmöglichkeiten“, so der Experte im Interview.

Massimo Mazzeo, Senior Director, Systems Engineering Europe bei Commscope

„Trotz der Einführung von WPA3 sind öffentliche Netzwerke nicht immer verschlüsselt“, warnt Massimo Mazzeo von Commscope.

MOB: Herr Mazzeo, Stichwort „öffentliches Wlan/Hotspots“: Wie gut ist Deutschland im internationalen Vergleich bereits vernetzt?
Massimo Mazzeo:
Andere europäische Länder haben im Vergleich zu Deutschland mehr in öffentliche Wlan-Hotspots investiert. Unserer Erfahrung nach ist den Nutzern die zugrundeliegende Technologie nicht so wichtig – sie entscheiden sich für die Möglichkeit, die ihnen das beste Nutzererlebnis und die beste Benutzerfreundlichkeit bietet. Es kommt also nicht nur darauf an, dass es Hotspots gibt. Der Anmeldeprozess an sich darf auch nicht zu komplex sein – sonst entscheiden sich Nutzer dann vielleicht doch für einen mobilen Datentarif.

MOB: Worin bestehen die Vorteile und Möglichkeiten solch einer öffentlichen Vernetzung – vor allem für die Bürger?
Mazzeo:
Die Weiterentwicklung der WiFi- und 5G-Technologien verbessert die Konnektivität. Dank der automatischen Auswahl der besten Verbindung (ABC, Always Best Connected) können alle modernen Smartphones nahtlos zwischen WiFi und Mobilfunknetzen wechseln – egal, ob man sich in Gebäuden oder draußen aufhält. Hier steht ganz klar das Benutzererlebnis im Vordergrund. Laut den Analysten von IDC werden sich WiFi 6 und 5G auch gegenseitig ergänzen.

Ich persönlich freue mich beispielsweise sehr auf die neuen Möglichkeiten in großen Sportstadien, die sich durch WiFi 6 ergeben. Bei Sport- und E-Sport-Veranstaltungen setzen immer mehr Veranstalter auf die neuesten Technologien und versorgen die Fans mittels moderner AR-/VR-Headsets mit Echtzeit- und statischen Daten. Durch die VR-Technologien können beispielsweise Besuchergruppen wie Schulklassen einen Spieltag in der Arena virtuell erleben und dadurch auch in einem leeren Stadion das echte „Fan-Feeling“ mitnehmen. Dank eines Headsets sind die Besucher dann mitten unter den Fans und können den Spielern virtuelle High-Fives geben, sobald deren Digital Twins durch den Tunnel ins Stadion einlaufen.

WiFi 6 ist für den Einsatz in Umgebungen mit sehr hohem Publikumsverkehr geeignet, beispielsweise in Hotels, Kongresszentren und Schulen. Aktuelle Wlan-Technologien – wie WiFi 6 und Multi-Gigabit-Konnektivität – bieten Leistungsstufen, die die meisten Mobilfunknetze kurzfristig nicht erreichen können. Hier kann nur ein WiFi-Netz die Kapazität bereitstellen, die für moderne Anwendungen erforderlich ist. Der nahtlose Übergang von 5G zu WiFi wird den Übergang reibungsloser gestalten, die Nutzer werden sich nicht allein auf Mobilfunknetze verlassen können.

MOB: Im Rahmen einer Eco-Umfrage gaben 44,9 Prozent der Befragten an, öffentliche Wlan-Hotspots im Ausland eindeutig häufiger oder eher häufiger zu nutzen als in Deutschland. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Mazzeo:
Bis Juni 2017 mussten Nutzer bei Reisen ins EU-Ausland für Telefonate, SMS und Daten zahlen. Seitdem die Europäische Union die Roaming-Gebühren abgeschafft hat, können sie zwischen dem mobilen Dienst und öffentlichem Wlan wählen. Dabei wird sich der Nutzer immer für das beste Benutzererlebnis entscheiden. Ob es sich dabei um Mobilfunk oder WiFi handelt, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass Nutzer den jeweiligen Dienst nahtlos und unmittelbar nutzen können.

MOB: Was sind Bremsfaktoren für die Bereitstellung öffentlicher Wlan-Netze? Welche Rolle spielen hier etwa Netzsperren, Störerhaftung, Kosten...?
Mazzeo:
Nutzer brauchen immer mehr Bandbreite, und so müssen die Anbieter vor allem Geschwindigkeit und Leistung verbessern. Außerdem greifen immer mehr Menschen simultan von zentralen Orten aus auf Netze zu. Wlan-Anbieter müssen auch den Einsatz von Glasfaser für Hochgeschwindigkeitsnetze und eine robuste Konnektivität in Betracht ziehen. Wie bereits erwähnt, werden sich die Benutzer für das beste Erlebnis entscheiden.

Darüber hinaus: Kommunikationsinfrastrukturen, einschließlich WiFi-Zugangspunkte oder auch Antennen, werden in der Regel an gut sichtbaren, stark frequentierten Orten angebracht. Da spielen dann auch visuelle Vorgaben der jeweiligen lokalen Behörden eine Rolle.

MOB: Mit welchen generellen Herausforderungen und welchem zeitlichen, finanziellen und personellen Aufwand ist die Realisierung eines öffentlichen Wlan-Spots für den jeweiligen Betreiber (z.B. Kommune, Café, Bücherei...) verbunden?
Mazzeo:
Eine zuverlässige Mobilfunkabdeckung in Innenräumen zu realisieren, stellt eine Herausforderung für die Betreiber dar – insbesondere wenn Unternehmen in großen und komplexen Gebäuden ansässig sind. Oft stellt sich da die Frage, ob die Verantwortung dafür beim Mobilfunkbetreiber, Gebäudeeigentümer oder beim Anlagenverwalter liegt. Wir glauben, dass die drei Parteien immer eng zusammenarbeiten sollten. Unternehmen werden sich nach anderen Räumlichkeiten umsehen, wenn sie keine erstklassige drahtlose Abdeckung, Kapazität und Geschwindigkeit bekommen. Für immer mehr Unternehmen sind das Voraussetzungen für ihren Geschäftserfolg.

Vermieter verstehen diese Anforderung aus unserer Sicht auch. Was für sie Sinn macht, sind Anbieter von neutralen Host-Infrastrukturdiensten, die mit allen großen Mobilfunkanbietern für eine konsistente und qualitativ hochwertige Abdeckung über eine Reihe von Gebäuden oder Standorten hinweg sorgen können. Konfigurations-, laufende Überwachungs- und Management-Funktionen können von neutralen Host-Providern und jedem einzelnen Betreiber entsprechend den Anforderungen jeder Partei übernommen werden. Dieses flexible Modell beseitigt eines der größten Hindernisse beim Aufbau der Netze in Gebäuden aus Sicht der Mobilfunkindustrie. Dies bietet ein dynamisches neues Geschäftsmodell für die mobile Konnektivität im Innenbereich.

MOB: Welche konkreten Gefahren birgt ein öffentliches Netz für die Bürger?
Mazzeo:
Ein Netzwerk sollte mit einer Technologie bereitgestellt werden, die Sicherheitslücken verhindert. In diesem Jahr wurde WPA3 eingeführt. Dieser neue WiFi-Sicherheitsstandard ersetzt WPA2 und verbessert die Verschlüsselungsstärke und die einfache Einrichtung. Die Branche hat große Anstrengungen unternommen, um Wlans sicherer zu machen.

MOB: Immer neue Studien sollen die Gesundheitsgefahren, die von Mobilfunk- und eben auch Wlan-Strahlung ausgehen, untermauern. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Mazzeo:
Laut 5G Americas werden 5G-Radios das Millimeterwellenspektrum nutzen, das bereits seit Jahren in verschiedenen Branchen umfassend erforscht, untersucht und genutzt wird. Hunderte unabhängiger Studien von internationalen Organisationen, einschließlich der Weltgesundheitsorganisation haben ergeben, dass es keine nachgewiesenen negativen gesundheitlichen Auswirkungen von Radiowellen gibt, die von Mobiltelefonen und Basisstationen ausgesendet werden, die die internationalen Grenzwerte einhalten. Weitere Informationen finden sich auch im Abschnitt „Wireless Devices and Health Concerns“ auf der FCC-Website.

MOB: Wie können sich Nutzer effektiv schützen, wenn sie sich mit ihren Mobilgeräten in öffentliche Wlan-Netzwerke einloggen? Worauf sollten sie achten?
Mazzeo:
Trotz der Einführung von WPA3 sind öffentliche Netzwerke nicht immer verschlüsselt. Benutzer sollten bei der Verwendung einer offenen Verbindung immer vorsichtig sein und überprüfen, ob alle ihre sensiblen Daten über Ende-zu-Ende verschlüsselte Verbindungen wie HTTPS ausgetauscht werden. Für streng vertrauliche Daten kann es dennoch sinnvoller sein, eine VPN-Verbindung des eigenen Unternehmens zu nutzen.

MOB: Welchen Einfluss wird 5G zukünftig auf die Wlan-Infrastruktur ausüben?
Mazzeo:
Bevor 5G-Technologien implementiert werden und eine Massenmarktdurchdringung erreichen, wird sich WiFi schneller und mit agileren Prozessen weiterentwickeln. Tatsächlich werden wir wahrscheinlich die Verfügbarkeit von 6 GHz und vielleicht sogar WiFi 7 sehen, bevor die 5G-Implementierungen massiv und global zunehmen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die WiFi-Technologie bereits Funktionen wie NFV, Mandantenfähigkeit, SDN und die Segmentierung von Ressourcen umfasst.

Eine vielleicht ganz unrealistische Annahme: Geräte, die das Beste aus beiden Welten nutzen – also maximale Reichweite und Durchsatz sowie minimale Latenzzeiten –, könnten in Zukunft eine Schlüsselrolle in Bezug auf die Konvergenz der Technologien spielen. Einfacher ausgedrückt: 5G wird WiFi nicht irrelevant machen und WiFi 6 wird 5G nicht gefährden. Vielmehr sehen wir sogar komplementäre und parallele Einsatzmöglichkeiten.

Bildquelle: Commscope

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