Der lange Abschied

Windows verschwindet hinter der Cloud

Microsoft wird vom Windows-Konzern zum Cloud-/KI-Anbieter. Satya Nadella macht Microsoft damit zukunftssicher.

Microsoft-CEO Satya Nadella vor der Cloud

Microsoft-CEO Satya Nadella vor der Cloud

Die etwas irreführende Meldung, dass sich Microsoft in zwei Unternehmensteile aufspalte, ist ein Missverständnis, aber ein verständliches. Denn es ist noch ein letztes Nachbeben aus der Zeit, als Microsoft der böse Riese war. Diese Position wird im Moment abwechselnd von Google, Amazon, Facebook und Apple eingenommen. Und die Forderung nach Zerlegung des Betriebssystem-Monopolisten in kleinere Unternehmensteile stammt vom Beginn des Jahrtausends.

Der PC verliert an Bedeutung und mit ihm Windows

Inzwischen sind viele Daten das Internet heruntergeflossen und die Zeiten haben sich geändert. Ein echtes Microsoft-Monopol bei Betriebssystemen gibt es nicht mehr. Zwar ist Windows auf dem Desktop immer noch das bestimmende System, doch die Bedeutung von Desktop-PC ist gesunken. Zunächst einmal haben sich die Upgrade-Zyklen verlängert, da bereits sehr günstige PC für die meisten Anwender über Jahre hinweg ausreichende Leistungen anbieten. Dies gilt sowohl für Privatleute als auch für die Nutzer in den Unternehmen. Doch der enorme (wirtschaftliche) Vorteil von Microsoft war in der Vergangenheit die Tatsache, dass neue PC zur vollen Ausnutzung der angebotenen Hardware-Funktionen auch eine neue Windows-Version benötigten und jedes neue Windows beinahe zwangsläufig einen neuen PC voraussetzte, da es auf Altgeräten eher schlecht lief.

Diese Zeiten sind vorbei, ebenso wie die konkurrenzlose Position des Windows-PC als Endgerät für Privatleute. Smartphones haben zunächst eine Vielzahl an neuen Anwendungsgebieten erobert, die vom PC nicht oder nur unzureichend abgedeckt wurden - Messaging von unterwegs etwa oder Navigations-Apps. Doch die Entwicklung geht weiter, immer mehr Nutzer verzichten auf einen zusätzlichen PC. Denn viele populäre Anwendungen wie Facebook, WhatsApp oder YouTube werden vorwiegend mit dem Mobilgerät genutzt. Und für gelangweilte ÖPNV-Nutzer ist das Gedaddel mit dem Smartphone einfach lebenswichtig. Hinzu kommt die stetig wachsende Verbreitung von internetfähigen Smart-TVs, die direkt von Internet-Services wie Netflix Videos in HD/4K-Qualität streamen können. Kurz: Viele Leute brauchen Windows einfach nicht mehr.

Ebenfalls vorbei sind die Zeiten, in denen an Büroanwendungen von Microsoft kein Weg vorbeiführte. Die Verbreitung schneller Internetzugänge und das legendäre Web 2.0 haben den Lock-in-Effekt von Microsoft stark gesenkt. Es gibt praktisch für jede lokal installierbare Anwendung (nicht nur von Microsoft) mehrere interessante Cloud-Alternativen, die zum Teil sogar kostenlos sind. Dadurch haben Privatanwender, kleinere Unternehmen und Konzerne immer mehrere Optionen. Immerhin: Microsoft ist durch sein Cloud-Office gelungen, weiterhin eine starke Position in der Büro-IT zu halten. Aber das Office-Monopol ist tot.

Glanz und Elend der Microsoft-Produkte

Microsoft hat, wie so viele andere Unternehmen, den Trend zum Touchscreen-Smartphone verpasst. Das Tragische daran: Es gab bereits 1995 mit Windows for Pen Computing und 2003 mit Windows Mobile interessante Ansätze, die in die richtige Richtung zeigten. Doch sie wurden nicht benutzerfreundlich verknüpft und nicht weiterverfolgt. Stattdessen vertrödelte Microsoft viel Zeit damit, seine komfortable Marktposition in Sachen Betriebssysteme und Office-Anwendungen weiter auszubauen - und sich damit letztlich durch den Verlust der Innovationskraft angreifbar zu machen.

Denn nach 2007 veränderte das iPhone die gesamte Szene und killte in Rekordzeit die noch starke Position von Microsoft bei Handhelds und frühen Smartphones. Nach zu langem Zögern startete Steve Ballmer (der das iPhone verspottete) die Aufholjagd mit Windows Phone und später dem überteuerten Kauf des Absteigers Nokia, der Auslöser für Ballmers Rücktritt. Währenddessen baute Satya Nadella das Cloudgeschäft als Zukunft von Microsoft auf. Sein Erfolg in diesem Bereich war die Eintrittskarte für die CEO-Position.

Und so begann ein längerer Umschichtungsprozess bei Microsoft, in dessen Verlauf alle rückwärtsgewandten Unternehmensteile nach und nach abgewickelt wurden. Nadella baute sofort nach seinem Amtsantritt den bisher noch nominell mit Windows verknüpften Cloudservice Azure als eigene Marke auf, wickelte Nokia ab, stärkte das Cloud-Office und drängte Windows immer mehr in Richtung „Windows as a Service“. Wer den ganzen Krimi nachlesen will, der letztlich zum Austritt des langjährigen Windows-Chefs Terry Myerson führte, sollte sich diesen Longread in Ben Thompsons Stratechery durchlesen.

In Zukunft: Cloud, Internet of Things, Machine Learning

Wie geht es weiter? Die Entwicklungen und Neuerungen in den letzten Versionen von Windows 10 kamen in großer Geschwindigkeit. Sie brachten eine enorme Vielfalt zusätzlicher Funktionen in das Betriebssystem: Die Sprachassistentin Cortana, Windows Ink für den Einsatz von aktiven Stiften auf einem Touchscreen, verschiedene Funktionen für das Erzeugen von 3D-Objekten sowie Schnittstellen zu 3D-Geräten wie der Mixed-Reality-Brille HoloLens.

„Alles Nonsens“, findet der Windows-Traditionalist Paul Thurrott in seinem Blog. Er vermisst Neuentwicklungen für den größten Teil der Nutzerbasis: die Unternehmensanwender. Denn der Anteil der Privatanwender an den Windows-Installationen sinkt, ebenso wie die Verbreitung von Desktop-PC in Privathaushalten. In den Unternehmen dagegen führt bislang noch kein Weg an Windows und nur wenige an Office vorbei. Er wünscht sich eine Business-Version von Windows, die ohne „kindischen Blödsinn“ wie Sticker und Emoji auskommt und stattdessen Neuerungen unter der Haube bringt, etwa im Dateisystem und dem Windows-Explorer.

Für Thurott ist diese Rückwendung zu den Basics die logische Konsequenz aus der sinkenden Bedeutung der Privatanwender. Und tatsächlich reagiert Microsoft konsequent auf diesen Trend. Doch Windows wird weniger wichtig. Das Geschäftsfeld verliert für Microsoft an Bedeutung, Azure wird zur neuen Cashcow des Konzerns. So haben sich die Umsätze des Clouddienstes im Jahr 2017 knapp verdoppelt und der Umsatz bei Office 365 stieg um mehr als 40 Prozent. Denn die Cloud, ergänzt durch Services für Internet of Things und Machine Learning, ist die Zukunft von Microsoft. Zwar ist Windows als Enterprise-Betriebssystem immer noch in einer Schlüsselposition, um Unternehmensanwender anzuziehen und in die Cloud zu schleusen. Doch Microsoft wäre schlecht beraten, sich allein auf diesen zukünftigen Nischenmarkt zu verlassen.

Bildquelle: Microsoft

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