Den digitalen Wandel aktiv gestalten

„Wir sind die Therapie“

Im Interview berichtet Nicolas Stoetter, Leiter des digitalen Labs der Schön Kliniken, worin die Herausforderungen bei der Entwicklung digitaler Produkte in einem so hochsensiblen Bereich wie der Psychotherapie bestehen.

Pärchen bei der Psychotherapie

Die Psychotherapie ist ein integraler Bestandteil moderner Medizin – doch wie lässt sie sich durch digitale Angebote verbessern?

MOB: Herr Stoetter, inwieweit hat die Digitalisierung bereits Einzug in den Bereich der Psychotherapie gehalten?
Nicolas Stoetter:
Die Psychotherapie eignet sich wahrscheinlich wie kaum ein anderer medizinischer Fachbereich dafür, digitalisiert zu werden, weil es eine vorwiegend sprechende Medizin ist, die Patienten eher jung und digital affin sind und die Evidenzlage erdrückend ist. Das macht es sehr spannend. In der Diagnostik reden wir zunehmend über passive Biomarker zur Erkennung einer psychischen Symptomatik, die ellenlange Fragebögen ersetzen und damit sehr spannende Verläufe ermöglichen können. Ich denke da z.B. an Bewegungsdaten, die über das Smartphone erhoben werden und als Indikator für Antriebsarmut – ein klassisches Depressionssymptom – dienen können. In der Therapie wissen wir aus unzähligen Forschungsprojekten, dass internetbasierte Psychotherapie – also chatbasierte Selbsthilfeangebote, Videosprechstunden, etc. – ähnlich wirksam ist wie klassische Verfahren, zumindest wenn der Nutzer dabei begleitet wird. Das ist auch nach vielen Jahren eine beeindruckende Erkenntnis, die wir nicht aus den Augen verlieren sollten, wenn wir unser Versorgungssystem verbessern wollen.

MOB: Welchen Einfluss wird die Verabschiedung des Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) im Health-Bereich Ihrer Ansicht nach ausüben?
Stoetter:
Das DVG bietet Start-ups erstmals einen klaren und planbaren Pfad in die medizinische Regelversorgung in Deutschland. Damit werden Start-ups, insbesondere aber deren Entwicklung eines tragfähigen Geschäftsmodells, deutlich begünstigt. Ferner erleichtert es den Vertrieb von E-Health-Produkten und -Services, da Start-ups nun nicht mehr mit jeder Krankenkasse einzeln Selektivverträge erarbeiten müssen, sondern ein standardisierter rechtlicher Rahmen existiert, der für alle Beteiligten klar definiert ist. Den Krankenkassen wird durch die Einführung des DVG einerseits die Möglichkeit gegeben, digitale Innovationen in Deutschland noch intensiver zu fördern, als sie das bisher konnten, da sie sich nun umfangreicher an Projekten und Unternehmen beteiligen dürfen. Andererseits können Verwaltungsprozesse, wie etwa das Onboarden eines neuen Versicherten oder die Informierung von Versicherten über innovative Versorgungsangebote, digitalisiert und damit schneller und direkter abgebildet werden. Die Patienten werden davon profitieren.

MOB: Wann und vor welchem Hintergrund wurde das digitale Lab der Schön Kliniken gegründet?
Stoetter:
Das Digital Lab wurde 2017 mit dem Ziel gegründet, im Bereich der Psychosomatik, in dem wir einer der führenden stationären Anbieter in Deutschland und UK sind, den digitalen Wandel aktiv zu gestalten. Uns und unseren Gesellschaftern ist bewusst, dass Technologie die Medizin und das Gesundheitswesen in den nächsten zehn Jahren stärker verändern wird als in den letzten 30 Jahren. Wir sind aber kein Accelerator und auch kein klassischer Inkubator, sondern eine In-house-Unit für agile Software-Entwicklung – und dabei eben sehr fokussiert auf den E-Mental-Health-Bereich, weil wir dort das größte Potenzial sehen. Das Ergebnis unseres Fokus: In den knapp drei Jahren seit unserer Gründung konnten wir mit Minddoc eine webbasierte Therapieplattform für Online-Therapie entwickeln und mit Moodpath eine unbegleitete Depressions-App in den USA, Europa und Südostasien erwerben. Zusammen mit unseren Kliniken und ambulanten Behandlungseinrichtungen können wir jetzt viel machen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Worin bestehen die Herausforderungen bei der Entwicklung digitaler Produkte in einem so hochsensiblen Feld wie der psychotherapeutischen Versorgung?
Stoetter:
Man denkt ja erst mal an Datenschutz, aber das ist gut lösbar. Wir erleben andere regulatorische Anforderungen, wie z.B. die Zertifizierung als Medizinprodukt – gerade mit Blick auf die verschärften Richtlinien auf EU-Ebene, die seit Mai 2020 greifen – als deutlich herausfordernder. Die größte Challenge ist und bleibt die Erstattung: Deutschland ist immer noch ein Markt, in dem Nutzer und Patienten erwarten, dass ihre Krankenkasse ihre Behandlungskosten bezahlt, auch bei digitalen Anwendungen. Und die wollen anpacken und verändern, haben aber begrenzte Spielräume und sind am Ende auch zu fragmentiert, als dass sie schnell genug in den Markt kommen. Das ist aus der Perspektive des Geschäftsmodells immer noch das große strukturelle Problem, das das gesamte Ökosystem bremst. Ich erhoffe mir durch das DVG eine prägnante Veränderung.
Dann wird die Frage sein, ob die Stakeholder des Systems zu tiefgreifendem Wandel bereit sind oder sich wieder, wie so häufig in unserem Gesundheitswesen, in Besitzstandswahrung üben. Ich würde mir wünschen, dass wir da alle offener und mutiger werden und sich dadurch neue Kooperationen ergeben.

MOB: Was verbirgt sich konkret hinter Minddoc?
Stoetter:
Minddoc ist ein Telemedizinangebot für psychisch kranke Menschen in Deutschland – also quasi eine virtuelle Psychotherapiepraxis. Wir behandeln Patienten mit Depression, Essstörungen sowie Angst- und Zwangsstörungen nach einem einmaligen physischen Termin an einem unserer Standorte in Deutschland. Die Behandlung erfolgt durch eine Mischung aus videobasierten Einzelsitzungen, Chatkontakten und digitalen Therapieinhalten wie Online-Lektionen und Fragebögen. Dahinter verbergen sich aber reale Psychotherapeuten, die die gleiche Ausbildung erfahren haben wie „klassische“ Therapeuten in der Praxis auch. Den Therapeuten-Avatar können wir uns nicht vorstellen. Digitalisierung in der Medizin heißt aus unserer Sicht auch immer, den Behandlern wieder mehr Zeit geben, sich auf das zu konzentrieren, was Menschen besonders gut können: emphatischer Beziehungsaufbau, individualisierte Therapie und nachhaltige Motivation der Patienten. Das gilt in der Psychotherapie ganz besonders.

MOB: Inwieweit kann dieses digitale Produkt die Versorgungslücke in der Psychotherapie langfristig schließen?
Stoetter
: Ganz einfach: Wir schaffen zusätzliche Kapazitäten und nehmen damit Druck aus einem System, das für viele psychisch kranke Menschen immer noch mit monatelangen Wartezeiten auf einen ambulanten oder stationären Therapieplatz verbunden ist. Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, die Wartezeit bis zur eigentlichen Therapie zu überbrücken – wie viele andere Angebote in dem Markt für digitale Psychotherapieangebote. Wir sind die Therapie.

MOB: Wie kam die Zusammenarbeit mit der Smartphone-App Moodpath des Berliner Start-ups Aurora Health zustande?
Stoetter:
Der E-Health-Markt in Deutschland ist noch überschaubar und von einem sehr offenen Austausch unter den wesentlichen Akteuren geprägt. Ich kenne die beiden Gründer Felix Frauendorf und Mark Goering seit vielen Jahren und habe ihre Arbeit immer sehr geschätzt. Als sich die Möglichkeit ergab, das Team und das Produkt in das, was wir tun, zu integrieren, hat das sofort für alle Beteiligten Sinn ergeben. Es macht großen Spaß, jetzt an einem gemeinsamen Strang zu ziehen.

MOB: Welche Vorteile und Möglichkeiten können Patienten aus diesem Zusammenschluss schöpfen?
Stoetter:
Unser großes Ziel heißt „Stepped Care“, also eine nahtlose, stufenbasierte psychotherapeutische Versorgung technologisch möglich zu machen. Das heißt: Sie erfassen ihre Symptomatik in einer Screen-ing-App, informieren sich zu Ihrem Krankheitsbild, buchen einen Termin für eine Erstuntersuchung, machen eine ambulante Therapie und speichern Ihre Behandlungsdaten auf einer technischen Plattform, die Sie über unterschiedliche Phasen Ihrer Krankheit kontinuierlich begleitet. Und das in einer Welt, in der heute die medizinische Versorgung extrem fragmentiert ist.

MOB: Wie sehen die Pläne des digitalen Labs der Schön Kliniken für 2020 aus?
Stoetter:
Wir haben heute zwei Teams an zwei Standorten (München und Berlin) mit zwei digitalen Produkten: Minddoc als webbasierte Online-Therapieplattform für unterschiedliche Störungsbilder und Moodpath als mobile Companion-App für depressive Menschen. Das muss jetzt zusammenwachsen: kulturell, technologisch und prozessual. Dass das in einem Jahr passiert, in dem sich regulatorisch sehr viel ändert (DVG, Medical Device Regulation, etc.) macht es besonders spannend

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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