Harald Ruckriegel war u.a. in der BMW Group in Führungspositionen tätig, darunter in Bereichen wie Strategie, Vertrieb oder Software Engineering.
MOB: Herr Ruckriegel, die Zukunft der Automobilindustrie liegt in autonomen, vernetzten Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb. Wie können OEMs die damit verbundenen Herausforderungen bewältigen?
Ruckriegel: Die Herausforderungen bekommen OEMs nur mit einer umfassenden Digitalisierung und mit der Einführung neuer Architekturkonzepte und Technologien in den Griff. An Bedeutung gewinnen dabei vor allem die Themen „Software-defined“, „Edge Computing“ und „Cloud“. Der Trend zum Software-definierten Fahrzeug ist klar erkennbar. In der Vergangenheit wurde das Fahrzeug durch die Hardware definiert, auf die die Software aufgesetzt wurde – jetzt verlagert sich der Schwerpunkt immer mehr auf die andere Seite. Unternehmen wie Tesla zeigen, dass sie zuerst die Software konzipieren und dann das Auto bauen. Klar ist auch, dass intelligente, vernetzte Fahrzeuge künftig zwangsläufig zu Rechenzentren auf Rädern werden, denn sie müssen in Echtzeit Daten analysieren und Entscheidungen treffen, etwa beim autonomen Fahren. IT-Technologien müssen folglich an den Einsatzort – sprich das Fahrzeug – gebracht werden. An diesem Punkt kommt das Edge Computing in Form der Vehicle Edge ins Spiel. Die Datenverarbeitung wird dabei von zentralisierten Rechenzentren direkt in das Fahrzeug verlagert. Darüber hinaus werden die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung im Automotive-Bereich auch die Nutzung einer konsistenten Hybrid-Cloud-Umgebung erfordern. Sie schlägt die Brücke von der Cloud-nativen Backend-Entwicklung bis zur Fahrzeug-Software. Nur damit können OEMs letztlich auch während des gesamten Lebenszyklus des Fahrzeugs Over-the-Air-Updates bereitstellen und neue Funktionalitäten dynamisch nachladen oder freischalten.
MOB: Welche Autobauer mischen hier bereits ganz vorne mit und warum?
Ruckriegel: Im Grunde setzen alle Autobauer auf autonome und vernetzte Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb. Bei der Bewältigung der vielfältigen technologischen Herausforderungen arbeiten wir derzeit intensiv mit großen deutschen OEMs wie Audi, BMW oder VW zusammen. Dabei geht es z.B. um das autonome Fahren, automatisierte Testumgebungen für Technologien rund um das vernetzte Fahrzeug oder die Nutzung einer Enterprise-Kubernetes-Plattform für die schnelle Anwendungsentwicklung und -bereitstellung. Damit wollen wir den digitalen Lifecycle des Software-definierten Fahrzeugs unterstützen – sowohl bei der Onboard- als auch bei der Offboard-Entwicklung.
MOB: Was verbirgt sich konkret hinter einem Software-definierten Fahrzeug? Was ist damit gemeint?
Ruckriegel: Software-definiertes Fahrzeug bedeutet, dass Funktionen, die herkömmlicherweise etwa in Firmware oder ROM fest kodiert sind, in einen Software-Layer überführt werden, der auf standardisierter Hardware läuft. Die Entkopplung der Software von der Hardware ermöglicht neben der Hardware-Unabhängigkeit eine Standardisierung und bietet Vorteile wie eine höhere Skalierbarkeit und Flexibilität, ein vereinfachtes Management und letztlich auch geringere Kosten. Die Abstrahierung der Software von der Hardware unterstützt darüber hinaus die Bereitstellung schnell integrierbarer Software-Komponenten oder neuer Funktionen. Dabei werden vor allem moderne Architekturkonzepte wie Virtualisierung, Container, Linux und Open Source im Allgemeinen an Bedeutung gewinnen. Sie stammen alle aus dem Offboard-Bereich, werden aber zunehmend Bestandteil des Fahrzeugs selbst.
MOB: Welche Rolle spielen hierbei die Themen „Open Source“ und „Standardisierung“?
Ruckriegel: Traditionelle Ansätze bei der Konzeption von Fahrzeugplattformen sind ein Hindernis bei den anstehenden Veränderungen. So können etwa spezifische Entwicklungen nur schwer über Fahrzeuglinien und Modelljahre hinweg wiederverwendet werden. Systembeschränkungen führen außerdem zu kostspieligen und aufwändigen Software-Updates. Die Einführung von Open-Source-Software anstelle von proprietären Lösungen ebnet einen Weg zur Etablierung gemeinsamer Standards und damit zur durchgehenden Standardisierung. Durch den Einsatz von Open-Source-Software kann die Automobilindustrie viele aktuelle Herausforderungen bewältigen und vor allem auch die steigenden Kundenanforderungen mit der schnellen und besseren Umsetzung von Innovationen erfüllen.
MOB: Werden auch Linux-basierte Betriebssysteme Teil dieser Zukunft sein, gerade hinsichtlich der bestehenden Standards für funktionale Sicherheit?
Ruckriegel: Ja, Linux-basierte Betriebssysteme für Kraftfahrzeuge werden eine wesentliche Komponente der automobilen Zukunft sein. Viele OEM-Entwicklungen und Community-Initiativen gehen bereits in diese Richtung. Klar ist, dass ein Linux-basiertes Betriebssystem im Fahrzeug mehrere hohe Anforderungen erfüllen muss, gerade hinsichtlich der erforderlichen Zertifizierung für funktionale Sicherheit. Wir arbeiten intensiv an einem solchen In-Vehicle Operating System (OS), das auf bewährten Komponenten von Red Hat Enterprise Linux basiert. Hierbei kooperieren wir mit Lösungsanbietern und OEMs, etwa mit General Motors (GM). Darüber hinaus sind wir in etlichen Initiativen und Communities vertreten, die derzeit die Entwicklungen im Automotive-Segment aktiv vorantreiben. Zentrale Themen sind dabei Linux als Betriebssystem oder die Functional-Safety-Zertifizierung eines Linux-OS im Automotive-Kontext. Prinzipiell wird an einem auf funktionale Sicherheit zertifizierten, speziell für den Automotive-Bereich ausgelegten Linux-Betriebssystem kein Weg vorbeiführen. Schließlich wird es mehr Flexibilität in das Software-Ökosystem der Automobilindustrie bringen. Es ermöglicht den Fahrzeugherstellern und ihren Partnern, sich auf innovative Anwendungen, Services und Funktionalitäten rund um das Auto der Zukunft zu fokussieren und ein in unternehmenskritischen Anwendungen erprobtes OS zu nutzen. Das heißt, ein standardisiertes Linux-Betriebssystem kann als eine leistungsfähige Basis für alle darüber liegenden spezifischen Software-Plattformen der OEMs fungieren, mit denen sie sich differenzieren können: vom Herstellerbetriebssystem, über die Middleware und Applikationen bis hin zu den Services.
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