10.01.2018

Wird 2018 das Jahr der Blockchain-Finanzierung?

Von: Ingo Steinhaus

Token Sales mit Blockchain-Technologien sind im Trend und werden zur Finanzierungsalternative für Startups.

Bitcoin-artige Tokens helfen auch bei der Startup-Finanzierung

Bitcoin-artige Blockchain-Tokens helfen bei der Startup-Finanzierung

Das Startup Blockstack begeistert Hightech-Fans. Es will ein dezentrales „Internet“ auf der Basis einer Blockchain-Anwendung aufbauen. Auf der App-Plattform gehören sowohl Daten als auch digitale Identitäten einzig und allein den Anwendern. Die Gründer wollten nicht nur auf Risikokapital angewiesen sein und starteten deshalb einen Token Sale. Dabei wird ein digitaler Gutschein ausgegeben, der ein bisschen wie eine Aktie funktioniert. Im Falle von Blockstack kamen ganze 53 Millionen US-Dollar zusammen, die dem Unternehmen einen Rückhalt für Investitionen und eine nachhaltige Entwicklung gibt.

Der Verkauf der Blockchain-Tokens heißt häufig auch „Initial Coin Offering (ICO)“ und erinnert damit an die englischsprachige Bezeichnung für eine Erstplatzierung an der Börse, dem „Initial Public Offering (IPO)“. Dabei gibt ein Unternehmen an einer Aktienbörse frei handelbare Firmenanteile aus, die der Finanzierung des Unternehmens dienen. Etwas Ähnliches bieten auch Token Sales: Die Gesamtinvestition wird auf viele Schultern verteilt.

Finanzierungsalternative für Startups

Bei Startups aus dem Technologiesektor hat sich die Finanzierung durch Venture Capital eingebürgert. Doch nicht alle Gründer wollen eine VC-Beteiligung, da dies meist die Abgabe der Anteilsmehrheit bedeutet. Außerdem hinaus gibt es Geschäftsmodelle und Unternehmenskonzepte, die kein Venture Capital finden. Für diese beiden Fälle hat sich die Ausgabe von Blockchain-Tokens ähnlich einer Kryptowährung wie Bitcoin als alternativer Weg etabliert. Die „Coins“ übernehmen eine Reihe von Aktienfunktionen und werden oft sogar auf einer Bitcoin-Börse gehandelt.

Die ersten Token Sales gab es Anfang 2014 und bis Anfang 2017 handelte es sich eher um einen Nischenmarkt mit einigen Achtungserfolgen. Doch dann entdeckten mehr und mehr Startups die Möglichkeiten eines ICO und die Zahlen explodierten. Im Juli letzten Jahres starteten 40 ICOs, im September bereits 81 und im November gab es fast 150 Token Sales. Insgesamt erwirtschafteten die Unternehmen auf diese Anweisung mehr als 6,3 Milliarden Dollar, wie der Blockchain-Experte Max Galka ermittelt hat.

Die großen ICOs kommen erst

Die Zahlen dürften in den nächsten Jahren eher noch ansteigen, da einige bereits etwas etabliertere Technologie-Startups ebenfalls ICOs planen, etwa der Messaging-Anbieter Telegram. Das Unternehmen will eine Blockchain-Plattform mit einer eigenen Kryptowährung starten. Das System soll in erster Linie Micropayments ermöglichen und durch die dezentrale Struktur der Blockchain besonders sicher und vertrauenswürdig sein. Finanziert werden soll der Aufbau der umfangreichen und weltweit verteilten, dezentralen Payment-Infrastruktur über das ICO. Vermutlich wird der Token Sale von Telegram einer der bisher größten und kann in den Bereich der Dollar-Milliarden vorstoßen.

Nicht nur Telegram-CEO Pavel Durov glaubt an den weiteren Erfolg von Token Sales. So hat der Berliner Investor Fabian Westerheide mit seinem Asgard Singularity Fund einen Investmentfonds aufgelegt, der sein Geld über den Verkauf von Blockchain-Tokens einsammelt. Westerheide ist bei seiner Arbeit als VC aufgefallen, dass die Zugangshürden zu den üblichen Hightech-Fonds nach den Modellen von Venture Capital oder Private Equity für viele Leute zu hoch sind - obwohl sie Interesse an Investments haben, aber keine Millionen besitzen. Um einen echten Investitionsfonds aufzulegen, ist allerdings ein vergleichsweise hohes Minimalinvestment notwendig, entsprechend der deutschen Rechtslage 200.000 Euro. Dadurch sind Anleger ausgeschlossen, die wie bei Crowdfunding lediglich kleinere Summen investieren wollen.

Risiken und Nebenwirkungen

Wird also 2018 das Jahr der Token Sales und ICOs? Ein wenig sieht es so aus, auch wenn der Boom bereits erste Betrüger angelockt hat und in ihrem Gefolge die Regulierer. So hat die US-Börsenaufsicht bereits ein mutmaßlich betrügerisches ICO gestoppt und das Vermögen einfrieren lassen. Doch der Erfolg der Token Sales lässt sich durch solche Betrügereien wohl nicht stoppen, einige Analysten gehen davon aus, dass ICOs bereits dabei sind, das Volumen der klassischen Frühphasenfinanzierungen durch Business Angels und Seed-VCs zu übertreffen.

Gut möglich, dass sich diese Form der Finanzierung recht bald als Alternative zu Risikokapital in der frühen Phase etablieren wird. Doch bis dahin sind noch alle ganze Reihe Hindernisse zu überwinden. Zunächst besteht für ein Startup die Gefahr, sich durch ein ICO den Weg zu zusätzlichem Venture Capital zu verbauen. Denn der Ruf von Token Sales ist bei manchen Risikokapitalisten eher durchwachsen. Sie gehen wie bei Crowd-Finanzierungen häufig davon aus, dass nur Unternehmen zu solchen Mitteln greifen, die auf eher schwachen Füßen stehen.

Auch für die Investoren bedeutet ein Token Sale ein extremes Risiko. Anders als bei herkömmlicher VC-Finanzierung gibt es häufig außerhalb des Startups keinen Verantwortlichen oder Ansprechpartner. Ein VC wird durch sein Investment zum Anteilseigner und meist auch Mitglied der Geschäftsführung. Token Sales dagegen sind unreguliert - was auch zum plötzlichen Verschwinden des Unternehmens am Tag danach dem ICO führen kann.

Bildquelle: Thinkstock

©2018 Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH