Experten-Einschätzung

Wird Windows 10 Mobile ein Erfolg?

Mit Windows 10 Mobile will Microsoft Smartphones zum PC machen, die Geräteklassen verschmelzen und so bei Anwendern punkten. Ob das durchdachte Konzept beim Kunden einschlägt, analysiert Experte Axel Oppermann.

  • Mit Windows 10 Mobile wird Microsoft ein engeres, kompakteres Smartphone-Portfolio positionieren.

  • Unser Autor Axel Oppermann ist Analyst des Beratungshauses Avispador.

  • Windows-Historie: Etappen der Entwicklung der unterschiedlichen Windows-Systeme, zusammengestellt von Avispador.

Seit fast einem Jahrzehnt läuft Microsoft dem Smartphone-Markt hinterher; jedenfalls bezogen auf die Akzeptanz beim Kunden. In den frühen Tagen, der Vor-iPhone-Zeit, war Blackberry das Maß der Dinge. Dann kam, sah und siegte 2007 Apple mit dem iPhone. Gegenwärtig dominieren Android-betriebene Smartphones den Massenmarkt und Apple greift über 90 Prozent der Gewinne des Marktes ab. Konkurrenzfähige Hardware zu Kampfpreisen, Gratislizenzen für Hersteller und relevante Apps – hat alles nichts genutzt: Die aktuellen Smartphones mit Microsoft-Betriebssystem, allen voran die mit viel Vorschusslorbeeren gestarteten Lumia-Geräte, dümpeln dahin.

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Auch deswegen soll nun einiges, wenn nicht alles, anders werden: Microsoft hat ein Betriebssystem designed, das quasi über jeden Formfaktor – jedes Device – nutzbar ist, weil sich „nur“ das Userinterface, das GUI, an die jeweiligen Gegebenheit anpassen muss, nicht jedoch das eigentliche Betriebssystem – die Basis. So kommt Windows 10 mit quasi gleichem Kern für PC, Tablet, Smartphone, Xbox und dem wichtiger werdenden Bereich von Wearables und Industriegeräten daher.

Neue Funktionen

Zahlreiche neue Funktionen sollen Windows 10 Mobile für Anwender attraktiver machen, den Einsatz in Unternehmen erleichtern und echte Mehrwerte bieten. Zu den Neuigkeiten zählen u.a.  interaktive Benachrichtigungen mit der Möglichkeit, direkt zu antworten. Eine Funktion, die bereits von Android oder iOS bekannt ist, jedoch im Vergleich zu den anderen Systemen umfassendere und innovativere Funktionen enthält. Die Wallet App wurde aufgebohrt und Microsoft spendiert einen neuen Browser, verbesserte Office-Anwendungen und die Sprachsteuerung Cortana. Doch der echte Mehrwert kommt durch Universal Apps, also Anwendungen, die auf unterschiedlichen Gerätetypen nutzbar sind.

Universal Apps als Möglichmacher

Durch den vereinheitlichten Betriebssystem-Kern ist es möglich, Anwendungen, die für einen PC entwickelt wurden, auch auf einem Smartphone, Tablet oder Phablet sinnstiftend zu nutzen. Entwickler müssen im Prinzip nur das Layout und die Bedienfunktion der Anwendung an die jeweilige Gerätekategorie anpassen. Microsoft setzt darauf, dass die Entwickler mitziehen und die Verbreitung von Anwendungen für Windows auf Desktop-PCs und Laptops auch zu mehr Anwendungen für Windows 10 Mobile führen wird, und dies wiederum mehr Verbraucher animiert, die Geräte zu kaufen.

Smartphone-Verwandlung zu vollwertigem PC?

Dadurch, dass vollwertige – bisher dem PC vorbehaltene – Applikationen durch Windows 10 sowie dem Universal-App-Konzept nun auch auf Smartphones nutzbar werden, ergeben sich vollkommen neue Anwendungsmöglichkeiten. Mit Windows 10 Mobile und der richtigen Hardware wird das Smartphone zum vollwertigen PC: An einen großen Bildschirm anschließen, Tastatur und Maus verbinden und fertig ist der „Arbeitsplatz“. Dann wieder abkoppeln, in die Jackentasche stecken und als Smartphone nutzen. Die Programme passen sich der jeweiligen Bildschirmgröße an; möglich macht dies die Funktion „Continuum“.

Einerseits zielt Microsoft mit dieser Strategie besonders auf Märkte ab, in denen das Smartphone das zentrale, beherrschende und oftmals einzige Computing Device ist. Durch den Anschluss externer Geräte wie Monitor oder Tastatur wird der Funktionsumfang – und somit die Attraktivität für den Nutzer – erhöht. Anderseits soll in entwickelten Märkten ein sinnstiftender Mehrwert für Profi- und semiprofessionelle Anwender geschaffen werden. Zwar haben sich auch schon andere Hersteller daran versucht,  Smartphones mit Perepheriegeräten, Dockingstation und Co. zu kombinieren. Das Problem bisher: Die Software wurde nicht angepasst und dadurch gab es große Probleme mit der Darstellung und der Nutzung. Ein weiteres Problem war die Hardware. Um in den angedachten Szenarien sinnvoll agieren zu können, ist eine starke Hardware notwendig. Zum Beispiel neue 8-Core-Prozessoren, exemplarisch von Qualcomm, die durch Windows 10 Mobile auch tatsächlich angesteuert werden können. Im Umkehrschluss: Die tatsächlich interessanten Funktionen sind nur mit High-End-Hardware nutzbar.

Das Portfolio

Mit Windows 10 Mobile wird Microsoft ein engeres, kompakteres Smartphone-Portfolio positionieren, welches für unterschiedliche Teilmärkte und unterschiedliche Nutzertypen konzeptioniert sein wird. Kern der Microsoft-Aktivitäten werden ein bis zwei Geräte für das High-End- bzw. Flaggschiff-Segment sein. Für die Mittelklasse und den Einsteigerbereich kann gleichfalls mit je zwei Geräten von Microsoft zu rechnen sein. Low-End-Geräte, der eigentliche Volumenmarkt, sollen von Partnern – den ODMs bzw. OEMs – auf den Markt gebracht werden.

Windows 10 Mobile ist insbesondere interessant für Anwender, die bereits in einer Microsoft-zentrierten Welt leben – oder in einer solchen leben wollen. Also Menschen, die auf Xbox setzen, Office-Anwendungen auch privat nutzen oder Spaß an PCs haben. Und an Anwender, die ihre geschäftliche IT-Nutzung mit dem privaten IT und Medienkonsum harmonisch zusammenführen wollen. Das Smartphone OS ist durchdacht weiterentwickelt worden, kann im Prinzip das, was Android und iOS auch können, darüber hinaus noch vieles mehr. 

Hässliche Ente oder stolzer Schwan?

Ob Windows 10 Mobile eine große Zukunft hat oder eine weitere Fußnote der digitalen Entwicklung wie Zune und Win RT sein wird, bleibt abzuwarten. Microsoft hat auf jeden Fall viel dafür getan, ein schlüssiges Konzept und ein attraktives sowie wettbewerbsfähiges Produkt zu liefern. Ob das für einen großen Markterfolg und somit für Akzeptanz beim Kunden reicht, ist fraglich. Es ist davon auszugehen, dass das neue OS seine Nutzer – seine Liebhaber – finden wird. Nicht mehr, nicht weniger.

 

 

 

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