Kommentar

Wirecard-Skandal: Vom Anfang das Ende

Die Nachricht von der Wirecard-Insolvenz schlug wie eine Bombe ein. Der Skandal trifft die noch junge Online-Payment-Branche ins Mark, doch der Fall ist auch ein Lehrstück für die Mitbewerber des Konzerns. Nur wer jetzt die richtigen Lehren daraus zieht und das Vertrauen der Kunden gewinnt, wird sich in Zukunft durchsetzen können.

  • Luftballon

    Die Wirecard-Blase ist endgültig zerplatzt. Ein Skandal mit Ansage? ((Bildquelle: Getty Images/iStock/Getty Images Plus))

  • Wirecard Hauptsitz

    Die dunklen Wolken über dem Wirecard-Hauptsitz bieten die dramatische Kulisse für die Bilanztragödie, welche sich hinter der Fassade abspielt – Razzien, Festnahmen und Fluchtversuche inklusive. ((Bildquelle: Wirecard))

Nun also doch: Die große Blase ist geplatzt! Spätestens, als Wirecard am 22. Juni 2020 spontan bekannt geben musste, dass angegebene Guthaben im Wert von 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existieren“, war auch die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzt.

Was dann folgte, glich fast schon einem Krimi: Insolvenz, Razzien, Haftbefehle, eine spektakuläre Flucht auf die Philippinen. Vorurteile gegen mobiles Bezahlen, E-Commerce und Fintechs waren schon zuvor keine Seltenheit. Das Bilanzdickicht, das die Causa Wirecard allerdings nun zu Tage fördert, ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker und dürfte das Vertrauen bei Kunden und Partnern nachhaltig beschädigen. Die Reißleine bereits gezogen haben Aldi Süd, die Allianz und die Softbank. Beenden nun auch Mastercard und Visa ihre Kooperationen mit dem Zahlungsabwickler, verkommt die Aktie vollends zum Pennystock. Es nimmt wenig Wunder, dass der Insolvenzverwalter eine Zerschlagung des Konzerns für wahrscheinlich hält.

Rauch und Feuer


Nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes hatten Analysten den Bezahldienst zunächst ausdrücklich dafür gelobt, dass seine Kunden aus den Branchen „Glücksspiel und Adult Entertainment“ unabhängig von Konjunktur und Konsumklima seien.

Dabei wurde schon lange hinter (nicht-)vorgehaltener Hand gemunkelt, bei den Aschheimern und ihren Zahlen stimme etwas nicht. Bereits 2008 gab es Ärger, Gerüchte um irreführende Bilanzierungen machten die Runde, die Aktie brach ein. Mit eiserner Hand ging Wirecard damals gegen Kritiker, Journalisten und Mitbewerber vor – und behielt damit vorerst Recht. Immer wieder gab es Negativschlagzeilen und Kurseinbrüche. Zum Teil konnten die Vorwürfe entkräftet werden, doch der Schaden war angerichtet und der Name Wirecard steht seither synonym für dubiose und intransparente Bilanzierungen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Der Anfang vom Ende folgte dann im Frühjahr 2019, als die Financial Times (FT) erneut Manipulationsvorwürfe erhob, dieses Mal im Zusammenhang mit dem Singapur-Geschäft des Anbieters. Nun sah sich auch die Bundesanstalt für Finanzaufsicht Bafin gezwungen, ein Leerverkaufsverbot mit Aktien der Wirecard AG zu verhängen – und geriet dafür selbst in die Kritik. Es folgten unruhige Monate und als die FT im Oktober noch einmal Vorwürfe nachlegte, beauftragte Wirecard schließlich die Wirtschaftspüfungsgesellschaft KPMG mit einer Sonderprüfung, wohl in dem Glauben, diese könne den angeschlagenen Ruf aufpolieren und das Unternehmen rehabilitieren. Als allerdings Ende April 2020 die Ergebnisse vorlagen, war nur eines klar: dass bei Wirecard kaum etwas wirklich klar ist. Daten konnten zum Teil nicht ausgewertet werden, ob bestimmte Umsätze vorlagen oder nicht, konnte nicht aufgeklärt werden. Und dieses Mal stellte auch die Bafin Strafanzeige gegen CEO Dr. Markus Braun und drei weitere Vorstandsmitglieder.

Behördendschungel und Kompetenzgerangel


Die Bonner Behörde, der nicht zum ersten Mal vorgeworfen wird, mit ihrer Kernaufgabe, der Finanzaufsicht, überfordert zu sein, gibt sich seither übrigens schmallippig zum schleppenden Vorankommen der Ermittlungen gegen den Konzern. Über ein Jahr dauerten diese nämlich bereits an und wurden nicht von der Bafin selbst, sondern von der deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) durchgeführt, die dafür offenbar nur einen einzelnen Mitarbeiter erübrigen konnte. Die Behörde war ursprünglich angetreten, um vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Globalisierung das Finanzwesen besser zu kontrollieren, Kompetenzgerangel zu beenden, Zuständigkeiten eindeutig zu verteilen und blinde Flecke zu verhindern. Doch schon beim großen Hypo-Real-Estate-Crash 2008 machte sie keine gute Figur, denn das hochriskante Geschäftsverhalten der HRE war ihr erst aufgefallen, als es zu spät war. Die Bafin zum Prügelknaben zu machen, greift dennoch zu kurz. Zu Recht bemerkte Bafin-Chef Felix Hufeld kürzlich bei einer Pressekonferenz, seiner Behörde seien die Hände gebunden gewesen. Immerhin hatte man sich Anfang des Jahres mit der Bundesbank und der EZB darauf verständigt, dass Wirecard keine Finanzholding, sondern ein Tech-Konzern sei. Somit waren die Bonner auch nur noch für den Teilbereich „Wirecard Bank AG“ zuständig und mussten für Vorwürfe den Mutterkonzern betreffend eben jene DPR zwischenschalten. So viel zu den Themen „Transparenz und Klärung von Kompetenzbereichen“. Gefallen lassen muss sich die Bafin allerdings einmal mehr die Frage, ob sie in ihrer jetzigen Struktur den Anforderungen des modernen Finanzwesens gerecht werden kann, in dem oft Hybride aus Technologie- und Finanzunternehmen international agieren.

Deutlich wird, dass die staatlichen Kontrollorgane unbedingt in ihrer Rolle gestärkt werden sollten. Behördliches Versagen, ungeklärte Zuständigkeiten oder Versäumnisse sollten außerdem lückenlos aufgeklärt und aufgearbeitet werden. Hierzu wäre es tatsächlich sinnvoll, die jetzige Struktur und die Überprüfungsmechanismen der Bafin von Grund auf zu überdenken, für mehr Transparenz zu sorgen und zugleich das Vertrauen der Anleger und Kunden in Finanzprodukte- und Dienstleistungen zu festigen.

Der Blick nach vorn


Der aktuelle Skandal mutet ein wenig wie der Sündenfall einer Branche an, die noch in den Kinderschuhen steckt. Anleger, Kunden und Partner stellen zunehmend generell die Sicherheit von digitalen Payment-Angeboten in Frage. Doch den Möglichkeiten des Marktes tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil, während Wirecard sich in seinem Geflecht aus gefälschten Bilanzen und erfundenen Milliarden bewegte, haben andere Dienste wie z.B. Venmo, Apple Pay oder Adyen von der Corona-Krise profitiert und ihre Umsätze deutlich gesteigert. Mobiles Bezahlen liegt im Trend wie nie zuvor; das hängt zum einen mit dem E-Commerce-Boom zusammen, zum anderen aber auch damit, dass die Bedeutung von Bargeld langsam abnimmt und Kunden den Komfort solcher Lösungen schätzen. Payment-Anbieter müssen in der Regel keine Filialen unterhalten und benötigen weniger Mitarbeiter, sind also kosteneffizient. Geldtransfers sind binnen weniger Minuten erledigt und Nutzer haben ihren Finanzstatus mit wenigen Klicks vor Augen. Diejenigen Anbieter, die nun langfristig ihre Seriosität und Zuverlässigkeit unter Beweis stellen können, werden vom Wirecard-Crash nicht langfristig betroffen sein und können – wie es bei Adyen der Fall sein dürfte – sogar vom Wegfall des direkten Konkurrenten profitieren, wenn sie sich rechtzeitig in Position bringen. Jetzt wäre also der richtige Zeitpunkt, den Anfang zu beenden und die nächste Phase zu zünden. 

 

 

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