Viele unserer Kunden verfügen über keinen eigenen Fuhrpark“, berichtet Rabea Böhme. ((Bildquelle: Tietze))
„Erfahrene Logistikplaner können sich über ihre Berufsjahre meist einen enormen Wissensschatz aneignen“, sagt Jeroen Hanekamp. ((Bildquelle: Dassault Systems))
MOB: Frau Böhme, Herr Hanekamp, mit welchen Herausforderungen sehen sich die hiesigen Logistikplaner anno 2022 konfrontiert?
Rabea Böhme: Die Logistikplanung ist durch verschiedene Faktoren in den letzten Jahren immer komplexer geworden. Dies beginnt bei individuellen Kundenwünschen hinsichtlich der Lieferzeiten bestimmter Teile oder Produkte, damit verbundener Lagerhaltung sowie Just-in-Sequence-Lieferung und endet bei behördlichen Vorgaben wie Ruhezeiten der Fahrer, tageszeitbedingten Fahrverboten sowie Zufahrtsbeschränkungen in Innenstadtbereichen für LKW. Auch der Wettbewerb in einem globalisierten Markt erfordert zunehmend Flexibilität und vor allem Kosteneffizienz in der Optimierung von Logistik und Transport.
Jeroen Hanekamp: Zudem werden Umweltfaktoren immer wichtiger. Ein Beispiel ist der CO2-Ausstoß. Etliche Transportunternehmen haben mittlerweile strikte – teils selbstauferlegte – Vorgaben, wie viel CO2 sie für eine bestimmte Strecke ausstoßen dürfen oder wollen. Dies hängt nicht nur mit politischen Vorgaben zusammen, auch steigende Energiekosten beeinflussen diesen Prozess. Für die Logistikplanung stellen Nachhaltigkeitsaspekte eine weitere zu berücksichtigende Ebene dar.
MOB: Welche Rollen spielen dabei die aktuelle Corona-Krise sowie der Ukraine-Russland-Konflikt?
Hanekamp: Krisen stellen Unternehmen auf die Probe. Mittlerweile lässt sich vor allem eine Lehre aus den vergangenen zwei Corona-Jahren ziehen: Jene Unternehmen, die die Digitalisierung bereits vorantreiben, sind besser durch die Krise gekommen als solche, die noch nicht auf digitale Lösungen setzen. Auf die Transportbranche bezogen bedeutet dies, dass smarte Routenplanungslösungen sehr viel mehr Flexibilität ermöglichen, um schnell auf ein schwankendes Transportvolumen oder krankheitsbedingte Ausfälle von Fahrern zu reagieren.
Böhme: Ähnlich verhält es sich in Bezug auf die aktuelle politische Lage, die zu Lieferverzögerungen und steigenden Kraftstoffpreisen führt. Logistikplaner müssen täglich veränderte Lieferaufkommen oder Lieferausfälle berücksichtigen und steigende Kosten für Kraftstoff einkalkulieren. Umso wichtiger ist es, auf eine Software-Lösung zu setzen, die Routen effizient plant. Damit lassen sich auch kurzfristige Änderungen – egal aus welchen Gründen – umsetzen.
MOB: Inwieweit kann Künstliche Intelligenz (KI) zu einer transparenten und effizienten Routenplanung beitragen?
Hanekamp: Erfahrene Logistikplaner können sich über ihre Berufsjahre meist einen enormen Wissensschatz aneignen. Dadurch können sie komplexe Zusammenhänge schnell erfassen, sofort reagieren und eine qualitativ hochwertige Planung erstellen. Ganz anders sieht es aus, wenn Zuständige dieses Wissen noch nicht haben. In der Corona-Pandemie zeigte sich etwa, dass es für Krankheitsvertretungen oftmals schwierig ist, sich in ein Planungssystem einzuarbeiten und das Qualitätsniveau zu erhalten. Diese Schwierigkeit potenziert sich noch, je komplexer eine Route oder ein Lieferprozess ist. Künstliche Intelligenz setzt genau hier an und unterstützt Logistikplaner. Die Software bezieht Feedback der Fahrer, Straßendaten, Einfuhrbeschränkungen und viele weitere Aspekte automatisch ein und kann gezielt Vorschläge erarbeiten und die Planungsarbeit beschleunigen.
MOB: Was sind die Schwierigkeiten bzw. Stolpersteine beim „Smart Routing“?
Böhme: Logistikunternehmen verfügen meist über Jahre hinweg etablierte Prozesse und Strukturen mit entsprechend qualifiziertem Personal. Soll eine neue Software-Lösung, wie beispielsweise eine Smart-Routing-Lösung, eingeführt und damit bestehende Strukturen aufgebrochen werden, dann stößt das zum Teil auf Widerstand. Hier gilt es, Überzeugungsarbeit zu leisten und die Vorteile klar aufzuzeigen. Wir wissen aus eigener Erfahrung jedoch, dass sich diese Vorbehalte schnell lösen, wenn einmal mit der Lösung gearbeitet wird. Die Zeit- und Prozessoptimierungen machen sich schnell bemerkbar.
MOB: Inwieweit vertraut der deutsche Mittelstand bereits auf eine smarte, KI-gestützte Routenplanung? Können Sie konkrete Einsatzszenarien beschreiben?
Hanekamp: Im Mittelstand gibt es eine Vielzahl an Unternehmen, die in vielerlei Hinsicht als der Innovationsmotor Deutschlands bezeichnet werden können. Manche Mittelständler haben aufgrund ihrer Größe aber weniger IT-Projekterfahrung und stehen im Hinblick auf smarte Tools noch am Anfang, wenngleich ihnen die Wichtigkeit der Digitalisierung durchaus bewusst ist. Hier sorgte die Pandemie zuletzt nochmals für einen Push. Etliche Unternehmen aus der Logistikbranche stehen daher derzeit in den Startlöchern.
Böhme: Viele unserer Kunden verfügen über keinen eigenen Fuhrpark. Bei diesen sehen wir durch den Einsatz einer Smart-Routing-Lösung ein enormes Kosteneinsparungspotenzial. So können ca. acht bis 15 Prozent der gefahrenen Kilometer eingespart werden. Ein solcher Rückgang hätte früher dazu geführt, dass spürbar weniger LKW angemietet worden wären. Heute können aufgrund des massiven Fahrermangels stattdessen Routen attraktiver für die Fahrer geplant werden.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
MOB: Welche weiteren Trends sehen Sie im Logistikbereich in diesem Jahr?
Hanekamp: Viele Trends haben wir schon angesprochen, darunter der Wunsch nach mehr Transparenz und Nachhaltigkeit. Lieferketten sollen, nicht zuletzt durch das kürzlich auf den Weg gebrachte Lieferkettengesetz, nachvollziehbar sein sowie Umweltaspekte einbeziehen. Das betrifft natürlich auch die Logistikbranche, in der mehr und mehr Unternehmen Standards in puncto Nachhaltigkeit einführen. Ein Beispiel sind E-Flotten, für deren Einsatzplanung neben den gewohnten Ruhezeiten und Slots für die Be- und Entladung auch Batterieladezeiten einkalkuliert werden müssen.
Böhme: Eine weitere Beobachtung ist, dass der Trend weg geht von großen, regionalen Logistikzentren im Umland hin zu kleinen, lokalen Lagerplätzen in der Stadt. Das wirkt sich extrem auf die Routenplanung aus, da kleinere Transportfahrzeuge für die letzte Meile in das städtische Lager oder direkt zum Endkunden benötigt werden. Das Spannende dabei: All diese Veränderungen treffen auf eine Branche, die durch den gestiegenen Welthandel wächst. Der Bedarf an smarten Lösungen wird also auch in Zukunft weiter ansteigen.