5G-Einführung

Zeitverlust durch regionale Widerstände

Bis 5G in Deutschland nutzbar ist, muss noch einiges passieren. Jens Kühner, Manager Sales ITC and Telco EMEA bei Red Hat, spricht im Interview über die Chancen und Herausforderungen des neuen Mobilfunkstandards.

Jens Kühner von Red Hat

„Der 5G-Rollout ist mit immensen Investitionen verbunden“, weiß Jens Kühner von Red Hat.

MOB: Herr Kühner, welchen Stellenwert schreiben Sie 5G für das Jahr 2019 zu?
Jens Kühner:
Wir sehen weltweit eine Refokussierung der Digital-Service-Provider auf die Evaluierung der Technologien und Planung der Aktivitäten. Einige Länder sind hier weiter als andere: Erste 5G-Netze wie etwa in der Schweiz sind bereits live geschalten. In Deutschland wurde hingegen gerade die Versteigerung der Lizenzen beendet.

Dennoch sollten Unternehmen bereits jetzt prüfen, welche Chancen ihnen die neue Kommunikationstechnologie bietet und welche Vorbereitungen zu treffen sind, wenn sie unmittelbar davon profitieren möchten. Aus meiner Sicht ist es essentiell, sich über die eigenen Potentiale und Anforderungen klar zu werden und diese mit den Netzanbietern abzustimmen.

MOB: Welches Potential steckt konkret in 5G?
Kühner:
Die Datenübertragungsrate nimmt stetig zu. Wer heute 4G/LTE nutzt, kann mit einem vernetzten Laptop zwar bereits fast wie im Wlan arbeiten, 5G ist jedoch nochmals schneller. Darüber hinaus bietet die Technologie die Möglichkeit, durch sogenanntes Network Slicing Datenströme zu priorisieren. Das ermöglicht maximale Flexibilität und Kommunikation mit minimaler Verzögerung und garantierter Antwortzeit – und erlaubt dadurch vollkommen neue Anwendungen wie die Steuerung von Robotern oder autonomes Fahren. Die Vernetzung und das Steuern von Industrieanlagen über mobile Kommunikationswege ist darüber hinaus mit 5G erstmals effektiv möglich. Zudem erlaubt die Technologie Unternehmen theoretisch auch, ein eigenes Netz aufzubauen.

MOB: Wie sieht die andere Seite der Medaille aus?
Kühner:
Der 5G-Rollout ist mit immensen Investitionen verbunden. Alleine die Ersteigerung der Frequenzen hat die Teilnehmer 6,6 Mrd. Euro gekostet. Dabei wurde bereits die Kritik laut, dass dieses Investment besser in den Ausbau der Infrastruktur geflossen wäre, denn die vier Anbieter in Deutschland werden gegenüber den Verbrauchern höhere Preise nur schwer durchzusetzen können. Hinzu kommt, dass neue Business-Tarife entwickelt werden müssen, um 5G auch in der Fertigungsbranche zu etablieren. Dabei werden die Entscheidungsträger im Unternehmen ebenfalls sehr auf die Kosten achten.

Damit bei den hohen Investitionen die Preise auf demselben Niveau bleiben, müssen die Kommunikationsanbieter die Betriebskosten reduzieren. Das darf allerdings nicht auf Kosten der Qualität gehen. Eine Lösung dafür ist das sogenannte Network Function Virtualization (NFV): In den bisherigen Netzen gibt es ein riesiges Konsolidierungspotential. NFV erlaubt es, Netzfunktionen, die bisher fest an Hardware gebunden waren, auf Netzwerk-Cloud-Infrastrukturen auszuführen. Das geschätzte Einsparungspotential liegt damit bei 40 bis 60 Prozent.

MOB: Welche Herausforderungen bringt der Aufbau der 5G-Netze in Deutschland mit sich?
Kühner:
Die bisherigen Mobilfunkstandards 2G, 3G, und 4G waren lediglich Weiterentwicklungen des jeweiligen Vorgängers. Die 5G-Technologie ist hingegen weitestgehend neu: Da sie höhere Frequenzen nutzt, verkürzt sich die Reichweite der Antennen. In einem ersten Schritt müssen deshalb neue Antennen aufgestellt werden. Die Genehmigung neuer Standorte benötigt jedoch Zeit und stößt oft auf regionale Widerstände. Nach Schätzungen der vier Provider benötigt das Genehmigungsverfahren zum Aufbau eines neuen Antennenstandorts rund neun Monate – zum Vergleich: In Südkorea braucht es nur ein Drittel der Zeit.

Bildquelle: Red Hat

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