Building Global Community

Zuckerberg schreibt einen Brief

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg schreibt sich den Frust über seine Hass- und Werbeschleuder Facebook von der Seele und wäscht seine Hände in Unschuld.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will für sein Netzwerk mehr soziale Bedeutung erreichen. Foto: Mark Schiefelbein

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will für sein Netzwerk mehr soziale Bedeutung erreichen. Foto: Mark Schiefelbein

Mark Zuckerberg denkt groß, dass darf er, denn er hat Großes geschaffen. Facebook ist das soziale Netzwerk Nummer Eins, wird von fast zwei Milliarden Menschen benutzt: «In den vergangenen zehn Jahren war Facebook darauf ausgerichtet, Freunde und Familien zu verbinden. Auf dieser Basis wird unser nächster Fokus sein, eine soziale Infrastruktur für die Gemeinschaft zu entwickeln», schreibt Zuckerberg nun in einem ausführlichen Beitrag.

Fragen Sie mal einen Lehrer, wie man eine "soziale Infrastruktur" und eine funktionierende Gemeinschaft an einer Schule aufbaut: Mit Regeln und der konsequenten Durchsetzung dieser. Das will Facebook aber nicht liefern, weil es nicht ausreichend Personal dafür einstellt. Ein paar angeheuerte Filipinos und Arvatos dürfen bis zum seelischen Kollaps den Müll wegräumen, den die Nutzer sekündlich auf Facebook erbrechen.

Eine kompetente Rechtsabteilung in jedem Land, so wie sie sich jedes große Unternehmen leistet? Journalisten einstellen als Fakten-Checker statt des Feigenblattes Correctiv.org? Nein, Mark möchte über was anderes reden:

Es gebe weltweit Menschen, die von der Globalisierung übergangen worden seien, und Abschottungs-Tendenzen, schreibt er weiter, ganz im Tenor der seit Trump plötzlich so besorgten Tech-Elite. Es gehe darum, «ob wir eine globale Gemeinschaft schaffen können, die für alle funktioniert» - und ob die Welt in Zukunft weiterhin näher zusammenrücken werde oder auseinander.

Fragen Sie mal einen Volkswirt, wie man eine funktionierende Gemeinschaft aufbaut und aufrecht erhält: Mit dem Eintreiben von gerechten Steuern und der sinnvollen Investition dieser in Maßnahmen, die der Gemeinschaft zugutekommen. Aber nein, Mark möchte nicht über Steuern reden.

Erst muss er sich um die hausgemachten Probleme kümmern: Fake News

Er schreibt, dass auch er über die Ausbreitung von Fake News und die sogenannte «Filterblase» besorgt sei, bei der Nutzern von Software nur Informationen angezeigt werden, die zu ihren Ansichten passen.

Zugleich sei ein potenziell noch folgenschwerer Effekt, dass in sozialen Netzwerken grundsätzlich einfachere Darstellungen schnellere Verbreitung fänden. «Im schlimmsten Fall werden so komplexe Themen versimpelt und wir hin zu Extremen gedrängt.» Facebook versuche, das Problem anzugehen. Um etwa die Ausbreitung reißerischer Schlagzeilen zu bremsen, achte Facebook inzwischen auch stärker darauf, ob Nutzer einen Artikel erst teilen, wenn sie ihn gelesen haben.

Die Nachrichtenbranche brauche mehr Unterstützung, schreibt Mr.Facebook. Also können Verleger und Journalisten mit seiner Unterstützung rechnen? Quality first, sozusagen? Nein, so hat das Mark jetzt nicht gemeint: Hassrede oder andere verbotene Inhalte können doch mit – Tusch bitte – ja, mithilfe künstlicher Intelligenz entdeckt werden! «Mit dem aktuellen Tempo der Forschung werden wir anfangen können, das für einige dieser Fälle 2017 anzuwenden, für andere wird das noch jahrelang nicht möglich sein.»

Künstliche Intelligenz, jetzt noch eine Prise Demut und sauber gewaschen sind die unschuldigen Hände:

«Hier in Kalifornien sitzend, sind wir nicht in der besten Position, um die kulturellen Normen rund um die Welt zu identifizieren», schreibt er also. «Stattdessen brauchen wir ein System, bei dem wir alle zu den Standards beitragen können.»

Will beides heißen: So wirklich verantwortlich fühle ich mich nicht. Verdammt noch mal, soll das etwa alles die UNO regeln? Nein, nein jeder soll sich dann doch wieder seine Filterblase so rosarot oder blutrot wie er will gestalten: Die Regeln zur Anzeige von Inhalten müssten stärker individualisiert werden, schreibt er.

Die Idee sei, jedem die Möglichkeit zu geben, die Vorgaben für sich selbst zu gestalten, zum Beispiel wenn es um Nacktheit oder Gewaltdarstellung gehe. «Sie entscheiden, was ihre persönlichen Einstellungen sind.» Mit Hilfe künstlicher Intelligenz könnten die Vorgaben dann überwacht werden, so Mark Zuckerberg.

Ende gut, alles gut. Für Mark.

In aller Bescheidenheit, wir wissen auch keine Ruck-Zuck-Lösung für das digitale Sodom und Gomorra. Und immerhin, Mark Zuckerberg macht sich Gedanken. Das ist anzuerkennen. Doch die Wende zum Positiven für Facebook muss mit simplen Schritten beginnen:

  • Erstens: Lokal geltendes Recht beachten (dafür braucht man Juristen) und dies schnell und konsequent durchsetzen (dafür braucht man Personal).
  • Zweitens: Steuern lokal zahlen – dafür braucht man Moral.
  • Drittens: Journalistische Inhalte wertschätzen und ein faires Monetarisierungsmodell erarbeiten, statt Fake News durch Klickzahlen finanziell zu belohnen – dafür braucht man Mut.

 

mit Material der dpa

Bildquelle: Thinkstock/iStock

 

 

 

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