Trends in der Lieferlogistik

Zwischen Automatisierung, E-Commerce und Wertewandel

Im Interview spricht Professor Bernd Noche über die Herausforderungen, die die Lieferlogistik aktuell und in der näheren Zukunft stemmen muss. Der Logistikexperte lehrt an der Uni Duisburg-Essen und glaubt, dass der Branche einige Veränderungen bevorstehen.

Zwischen Automatisierung, E-Commerce und Wertewandel

Professor Bernd Noche lehrt Logistik an der Universität Duisburg-Essen und glaubt, dass auch gesellschaftliche Faktoren die Weiterentwicklung der Zustelldienste beinflussen.

MOB: Professor Noche, oft hört man den Spruch, die „letzte Meile sei die längste“. Was sind in der Lieferlogistik hier die speziellen Herausforderungen?
Prof. Dr. Bernd Noche:
Die letzte Meile ist der Transport der Pakete vom Umschlagspunkt zum Kunden. Dieser Transportabschnitt ist besonders herausfordernd, da die Pakete von einem Punkt aus kleinteilig in die Fläche verteilt werden und dabei auch recht lange Touren entstehen. Jeder Kunde wird einzeln angefahren und genau hier wird die Lieferung kompliziert und teuer. Beispielsweise findet der Paketdienst beim Abgeben der Pakete oft nicht die notwendigen Parkmöglichkeiten. Zudem ist die letzte Meile ein hoher Kostenfaktor. Ungefähr 50 Prozent der gesamten Transportkosten entfallen auf die letzte Meile. Eine wichtige Einflussgröße für die Wirtschaftlichkeit dieses Transportabschnitts ist dabei der sogenannte „Drop-Faktor“. Er gibt an, wie viele Pakete an einem Haltepunkt abgegeben werden. Ist dieser Faktor sehr niedrig, bedeutet das in der Konsequenz, dass der Paketdienst häufig anhält, um ein Paket abzugeben - möglicherweise auch vergeblich und, weil der Kunde nicht anzutreffen ist, bedeutet dies eine Verteuerung der Auslieferung. Paketdienstleister versuchen deshalb den Drop-Faktor zu erhöhen und den kleinteiligen Auslieferverkehr zu minimieren, etwa indem sie die Möglichkeit anbieten Pakete an Paketstationen auszuliefern.

MOB: Inwieweit verschärft der E-Commerce-Boom der letzten Jahre die Problematik?
Noche:
Indem die Zustelldauer der bestellten Ware immer kürzer wird – denken Sie nur an Expresslieferungen innerhalb weniger Stunden- nimmt auch der Transportbedarf zu. D.h., ein Paketdienst fährt u.U. mehrfach täglich die gleiche Tour. Die Steigerung der Transporte geht dabei über das reine Mengenwachstum hinaus. Aber auch die Angewohnheit der Kunden, sich mehrere Artikel zu bestellen und dann nur einen auszuwählen, um dann den Rest wieder zurückzuschicken, verschärft die Situation.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Viele Onlineshops versprechen ihren Kunden immer günstigere, flexiblere und individuellere Lieferkonditionen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Wie bewerten Sie diesen Trend (aus ökonomischer und ökologischer Sicht)?
Noche:
Der Verkehr bringt diverse ökologische Belastungen mit sich: erhöhter CO2-Ausstoss, Feinstaub, Stickoxide, Lärm und Staus - auch bedingt durch Paketdienste, die in zweiter Reihe parken und den Verkehr stören. Im weiteren Sinne sind auch die negativen gesundheitlichen Folgen zu sehen. Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen bedeutet nicht nur mehr Abgase, sondern auch Stress für die Verkehrsteilnehmer und Anwohner. Aus ökonomischer Sicht ist die Sachlage ambivalent: Einerseits versuchen die Onlineshops auf diese Weise ihren Umsatz zu steigern, andererseits verteuern sie durch die versprochenen kurzen Lieferzeiten die Auslieferungen, da die Auslastung der Fahrzeuge sinkt.

Auch politische Entscheidungen nehmen Einfluss auf die Lieferbranche. Wie sich z.B. das aktuell drohende Diesel-Fahrverbot in deutschen Innenstädten auswirken?
Noche:
Die Auswirkungen des Diesel-Fahrverbots sind gar nicht so einfach zu prognostizieren. So können Lieferunternehmen von speziellen Ausnahmereglungen profitieren, wenn ihre Fahrer in die gesperrten Bereiche der Innenstädte fahren müssen. Perspektivisch könnten jedoch viele Fahrzeuge durch Elektrofahrzeuge ersetzt werden. Damit könnten die Transportkosten steigen, da diese Fahrzeuge teurer und die ausgemusterten Fahrzeuge oft noch nicht abgeschrieben sind. Hier sind allerdings auch Instrumente wie Fördermittel oder steuerliche Vorteile zu berücksichtigen, die helfen die Mehrkosten zu reduzieren.  Andererseits könnte durch höhere Transportkosten der Konsument motiviert werden auf kürzere Lieferzeiten zu verzichten, um damit die erhöhten Transportkosten, zumindest teilweise, zu kompensieren.

Durch diese Entwicklungen könnte sich der Wettbewerbsdruck bei den Paketdiensten erhöhen und ein Konzentrationsprozess einsetzen, an dessen Ende die übrigen Marktteilnehmer die Preise für Paketlieferungen festlegen. Hier bleibt abzuwarten, ob die Plattformen, über die die Kunden ihre Ware ordern, die höheren Preise weitergeben oder bessere Konditionen aushandeln.

Kann darin auch eine Chance für nachhaltigere und ressourceneffizientere Innovationen liegen?
Noche: Na klar, durch die Erhöhung der Kosten könnte die Nachfrage beim Konsumenten verringert werden. Andererseits ist das private Einkommen vieler Haushalte so hoch, dass die Möglichkeit sich Pakete - und nicht nur diese – anliefern zu lassen, attraktiv bleibt. Im Prinzip liegt die Chance darin, dass durch die politischen Vorgaben indirekt Umweltkosten auf die Paketauslieferung umgelegt werden. Externe Kosten, d.h. Kosten durch die Umweltbelastung, die die Gesellschaft derzeit noch trägt, werden also internalisiert und zu Prozesskosten umgewandelt. Für die Lieferunternehmen bietet sich die Möglichkeit ihre Strecken zu optimieren und Imagepflege zu betreiben.

KI-gestützte Routenplanung oder Paketdrohnen sind nur zwei Ansätze, die als zukünftige Lösungen für die Herausforderungen der letzten Meile gehandelt werden. Welches ist für Sie die vielversprechendste Entwicklung?
Noche:
Die beiden genannten Ansätze sind nicht direkt miteinander vergleichbar. Bei den KI-gestützten Routenplanungen geht es darum, Einflussfaktoren, die für die Routenplanung relevant sind, mit einer Art Algorithmus zu verbessern und Faktoren, die beispielsweise in großen Datenbeständen enthalten sind und aus vergangenen Fahrtabläufen gewonnen werden, zu erkennen und bei neuen Routenplanungen zu berücksichtigen.

Bei der Anwendung der Drohnentechnologie geht es, wenn man so will, um die Erweiterung eines bestehenden Verkehrsträgers um kleinere, flexiblere, automatisch gesteuerte Luftfahrzeuge.

Bei der Anwendung bietet der Einsatz der KI-Methoden sicherlich einen Vorteil, da diese Technologie millionenfach beim Einsatz von LKWs genutzt werden kann. Die Drohnen hingegen mögen eine interessante technische Entwicklung sein und werden sich ihre Einsatzgebiete erobern. Sie werden aber kaum in einer näheren Zukunft die Bedeutung von straßengebundenen Fahrzeugen erreichen können. Dazu sind sie viel zu empfindlich für Wind und Wetter, können nur eng begrenzte Gewichte transportieren und sind auf Batterien angewiesen, die nur relativ kurze Reichweiten bei der Durchführung der Transporte ermöglichen.

Welches sind Innovations-Treiber in diesem Gebiet?
Noche:
Die Innovationstreiber dürften sein: Die Automatisierungstechnik, der Wertewandel in unserer Gesellschaft und die weitere Sensibilisierung für Umweltbelange, die sich verändernde Altersstruktur der Bevölkerung, politische Entscheidungen, die den Transport regulieren und verteuern, regionale Lösungen für urbane Gegebenheiten sowie die Digitalisierung (z.B. künstliche Intelligenz, Big Data), die Bestellungen besser planbar und Auslieferungszeiten verkürzen soll.  Maßnahmen wie diese ermöglichen es, durch die Schaffung von Marktplätzen neue Dienstleistungen zu erstellen.

Wenn wir ins Jahr 2030 blicken: Wie wird sich die Art und Weise, in der Ware zugestellt wird, ändern?
Noche:
Der Druck auf die Paketdienstleister wird weiter zunehmen. Ich rechne damit, dass wir einen Konzentrationsprozess erleben, den nur die Paketdienstleister überleben, deren Auslieferungsvolumen wirtschaftlich bleibt. Elektromobilität wird mittel- bis langfristig dominieren. Zudem werden sich neue Dienste entwickeln, weil Paketauslieferungen mit weiteren Leistungen wie z.B. Bringdienste kombiniert werden könnten. Die Nachfrage nach solchen Angeboten kommt beispielsweise von unserer alternden Gesellschaft, die zunehmend auf externe Dienste angewiesen sein wird.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok